Verbrauchertipp: Die lange Reise eines Joghurtbechers

Dr. Stefanie Böge hat sich die Mühe gemacht, einen einfachen Erdbeerjoghurt in seine Einzelteile zu zerlegen und - homöopathisch dosiert - den Transportzyklus für alle Teile zu errechnen.

Erdbeeren aus Polen, Bakterien aus Schleswig-Holstein, Aluminiumdeckel aus dem Rheinland: Dr. Stefanie Böge hat vor rund 20 Jahren einen Erdbeerjoghurt in seine Einzelteile zerlegt und für buchstäblich jedes Teil die gefahrenen Kilometer, Transportkosten und Schadstoffe errechnet. Mehr als 9.000 Kilometer hatte er hinter sich.

Die Bakterienkulturen stammten aus Schleswig-Holstein (917 km) und die Erdbeeren wurden von Polen zunächst nach Aachen, dann nach Stuttgart gekarrt (1246 km).

Diese Strecken scheinen noch recht übersichtlich, doch bei Zucker, Glasbecher, Aluminiumdeckel bis hin zum Etikettenleim, wird die Streckenführung recht lang und kompliziert. 3.494 Kilometer von Zulieferer zum Hersteller, dann 4.953 Zulieferer-Zulieferer Kilometer und noch 668 Vertriebskilometer bringen fast das Fass – oder den Joghurtbecher – zum Überlaufen. Da fallen die 36 Kilometer für die Milch kaum ins Gewicht. So kommen halt 9.115 Kilometer zusammen.

Dr. Stefanie Böge, Jahrgang 65, hat sich die Mühe gemacht, einen einfachen Erdbeerjoghurt in seine Einzelteile zu zerlegen und – homöopathisch dosiert – den Transportzyklus für alle Teile zu errechnen. Auf einen einzigen Erdbeerjoghurtbecher berechnet lautet das Ergebnis: „14,2 Meter fährt ein LKW, bis das Produkt bspw. in Hamburg in einem Supermarktregal steht“, sagt Dr. Böge. „Dabei sind 0,006 Liter Diesel verbrannt worden – und allein für den Jahrestransport der Zutaten werden 500 Kilo Stickoxide, 35 Kilo Ruß und 32,5 Kilo Schwefeldioxid in die Luft geblasen““.

Was soll das?

Berechtigte Frage. Hier geht’s nicht nur um Haarspalterei, das Beispiel des Erdbeerjoghurts ist nur ein kleiner Ausschnitt aus unserem alltäglichen Frühstücks- und Konsumszenario. Aber damit auch ein Beispiel für den Verkehrswahnsinn. Wir wissen so ungefähr was wir essen, in diesem Fall ist es ein Erdbeerjoghurt – die Geschmacksverstärker und Zutaten zergehen einem auf der Zunge – doch wie und unter welchen Umständen er produziert worden ist, weiß der Verbraucher nicht. Im Grunde genommen spielt das auch keine Rolle: Wen interessiert’s?

Doch gerade der jüngste Pferdefleischskandal bringt es wieder ans Tageslicht: Auch der Verbraucher ist in der Pflicht, sich Gedanken über seinen alltäglichen Konsum zu machen. Würde sich Dr. Stefanie Böge mit ihrer Untersuchungsmethode nur über den Frühstückstisch hermachen, so wäre die Kilometersumme der Leckerbissen mehr als imposant.

Warum so viele Kilometer zusammen kommen, liegt auch an der veränderten Struktur unserer Wirtschaft, die immer mehr auf den Verkehr setzt. Die Unternehmen stellen Teile immer weniger selbst her und lassen Einzelteile immer mehr von Subunternehmen produzieren, wodurch wiederum mehr Lastwagen auf der Straße landen. Ein weiteres Merkmal ist die so genannte just-in-time-Produktion, wo der Gütertransport möglichst synchron zur Herstellung läuft. Das erlaubt den Unternehmen, ihre Lage abzuspecken, indem sie diese auf die Straße verlagern.

Die Alternativen sind:

  • Konsum von verarbeiteten Lebensmitteln reduzieren,
  • Lebensmittel mit kurzen Transportwegen,
  • Lebensmittel nach Saison und
  • Lebensmittel aus der Region oder Biolebensmittel einkaufen.
     

Quellen: Der Weg eines Erdbeerjoghurts: Erfassung und Bewertung von Transportvorgängen – Die produktbezogene Transportkettenanalyse (Dr. Stefanie Böge, 1992); Ein Joghurt kommt in Fahrt (Peter Weinbrenner).

Bernd Lorch, VSZ Ostbelgien - Illustrationsbild: Herwig Vergult (belga)