Verbrauchertipp: Monsanto-Papers und die Folgen

Durch den Glyphosat-Skandal steht die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und der Behörden auf dem Spiel. Diese Einschätzung vertritt Bernd Lorch von der Verbraucherschutzzentrale Ostbelgien.

Proteste gegen den Einsatz von Glyphosat in Brüssel (6. Juni 2016)

Proteste gegen den Einsatz von Glyphosat in Brüssel (6. Juni 2016)

Glyphosat ist nicht nur ein Wirkstoff, der in zahlreichen Unkrautvernichtungsmitteln zum Einsatz kommt, sondern der auch seit letzter Woche für ziemlich viel Wirbel gesorgt hat. Nachdem Flandern, die Wallonie und die Region Brüssel-Hauptstadt den umstrittenen Wirkstoff für den privaten Gebrauch verbieten will, hat auch Föderalminister Willy Borsus reagiert. Ins Rollen kam das Ganze durch die Veröffentlichung interner E-Mails des Agrarriesen Monsanto.

Verbot von Glyphosat positiv für den Verbraucherschutz

Das ist schon richtig, aber wir müssen auch differenzieren: Es geht hier nicht alleine um das Monsato-Produkt „Round up“, sondern um den Wirkstoff Glyphosat, der auch in anderen zahlreichen Pflanzenschutzmitteln steckt. Mal davon abgesehen, sind Alternativ-Produkte, die zum Beispiel Perlagonsäure enthalten und damit werben, „Glyphosat-frei“ zu sein, auch mit Vorsicht zu genießen.

Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und der Behörden

Zum einen steht der Verdacht im Raum, dass der multinationale Konzern Monsanto, unabhängige Studien über Glyphosat beeinflusst haben soll. Und zum anderen soll die europäische Chemikalienagentur ECHA von der Industrie zur Bewertung über Glyphosat beeinflusst worden sein.

Mitte März sind zum ersten Mal interne E-Mails aufgetaucht, die belegen sollen, dass Monsanto im Verborgenen an Studien mitgearbeitet hat, die später als Arbeiten unabhängiger Wissenschaftler ausgegeben worden sind.

Das ist das eine. Das andere ist, wissenschaftliche Studien dieser Art, spielen für die Zulassung von Glyphosat eine enorm wichtige Rolle. Ganz egal, ob es jetzt auf EU-Ebene oder föderaler Ebene ist. Da geht es ja um die Frage, ob Glyphosat krebserregend ist oder nicht.

Rolle der europäischen Chemikalienagentur

Es geht hier letztendlich um die Verlängerung des Wirkstoffs Glyphosat innerhalb der EU. Und wir wissen ja, dass es einen Behördenstreit zu diesem Thema gibt, ob Glyphosat krebserregend ist oder nicht. Die WHO sagt, Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend, und die europäische Lebensmittelagentur EFSA kommt zu einem anderen Ergebnis und sagt, das sei nicht der Fall.

Hier kommt die europäische Chemikalienagentur ins Spiel. Diese soll nämlich in diesem Jahr eine endgültige Bewertung über Glyphosat vorlegen. Und diese Bewertung hat oder soll dann Einfluss haben, auf die Entscheidung der EU-Kommission, ob Glyphosat auf europäischer Ebene weiter zugelassen werden soll oder nicht.

Das Problem ist, dass die Industrie vorab noch eine Kommentierung zu einer ersten Version der Entscheidung kurz vor Schluss abgeben konnte, das heißt sie hat ihre eigene Meinung, bzw. ein Statement schon vorab den Ausschussmitgliedern untergejubelt. Also jenen Personen, die über die Bewertung abstimmen, ob Glyphosat krebserregend ist oder nicht. Und man kann sich leicht ausdenken, wie dieses Statement ausgefallen ist.

Mit anderen Worten: die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Industrie versucht hat Einfluss zu nehmen, auf die Bewertung der Chemikalienagentur über den Wirkstoff Glyphosat.

Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

Auf der einen Seite hat Monsanto vermutlich massiv Einfluss auf unabhängige Studien genommen, indem sie die Daten und Texte geliefert haben und andere Wissenschaftler für gutes Geld ihre Unterschrift unter der Studie gesetzt haben.

Und auf der anderen Seite hat die Industrie vorab versucht, Ausschussmitglieder der Chemikalienagentur bei ihrer Bewertung zu Glyphosat zu beeinflussen.

Da ist dann die Gefahr groß, dass Behörden Entscheidungen aufgrund so genannter „manipulierter“ Daten treffen. Und das kann es ja nicht sein.

Folgen für den Verbraucher- und Umweltschutz

Die Folgen dieser Lobby-Methoden können fatal sein. Wir als Verbraucherschutzorganisation sind unter anderem auf fundierte Informationen der Behörden angewiesen. Wenn diese Informationen aber aufgrund von Entscheidungen getroffen wurden, die alles andere als unabhängig waren, dann kann das maßgeblichen Einfluss auf die Präventionsarbeit einer Verbraucherschutz- oder Umweltorganisation haben.

Nehmen wir nur das Beispiel Glyphosat. Angenommen die EU-Kommission verlängert den Wirkstoff Glyphosat, weil die europäische Chemikalienagentur zu dem Ergebnis gekommen ist, Glyphosat sei ungefährlich. Hat die EU-Kommission dann die richtige Entscheidung getroffen? Wohlwissend, dass die Industrie vorab Einfluss auf diese genommen hat?

Wir dürfen eins nicht vergessen: Es geht nicht nur alleine um das Wohl der Menschen oder der Umwelt, sondern vor allem um Milliardenumsätze.

Weitere Infos finden Sie auch im Netz unter vsz.be

Infos: Bernd Lorch, Verbraucherschutzzentrale, Foto: John Thys, AFP

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