Chansons, Lieder und Folk: Zum 100. Geburtstag von Georg Kreisler

Georg Kreisler - sein Einfluss ist gigantisch. Sein dichterisch mächtiges Lieder- und Satirekabinett mit seiner jüdelnd wienerischen Expressivität verleiht dem deutschsprachigen Kabarett bis heute maßgeblichen Charakter.

BRF-Musikredakteur Markus Will (Bild: Thierry Cornely/BRF)

BRF-Musikredakteur Markus Will (Bild: Thierry Cornely/BRF)

Unbeugsam unbequem verwahrte er sich gegen ideologische Vereinnahmung, der selbsterklärte Anarchist, der als Mensch so freundlich war, hatte keinerlei Scheu, Befindlichkeitsgrenzen zu übertreten und wusste stets auf gescheite Art zu schockieren. Legendär sein Liederalbum „Nichtarische Arien“, das 1966 in Deutschland zu hilflosen Irritationen bei Publikum und Presse sorgte. „Darf man so in Deutschland wieder über Jüdisches sprechen?“ Georg Kreisler durfte. Ihm ging es nicht um Tabubruch, sondern um Bloßstellung von Bürgertum, Beamtentum, Spießertum, und das gab es überall, unabhängig von Konfession.

Am liebsten hasste er die Wiener, die Bewohner seiner Geburtsstadt. „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“ sang er, darin die berühmte Zeile: „Statt des Antisemitismus gäb‘ es nur ein Antiquariat“. So was kommt davon, wenn ein 16-jähriger Jude nach dem Anschluss Österreichs an das „Deutsche Reich“ 1938 erleben musste, wie Juden unter Schlägen, Tritten und Gejohle gezwungen wurden, auf Knien mit Zahnbürsten die Wiener Trottoirs zu putzen.

„Das Judentum ist eine Behinderung, noch dazu eine, die sich offenbar vererbt“, hat der Satiriker Kreisler einmal gesagt und ergänzte: „Andererseits finde ich es eine Bereicherung: Man wird trotzig, was die Mitmenschen betrifft und demütig in Bezug auf fast alles andere.“ Dieser Trotz war es vielleicht, der Kreisler 1963 motivierte, als Erster in Deutschland nach der Schoa wieder witzige Lieder über Juden in sein Programm zu nehmen.

Bei aller schamlosen Bissigkeit blieb Georg Kreisler bis zum Schluss musikalisch anspruchsvoll, ohne je Unterhaltungsqualität einzubüßen. Im Jahr seines Todes, 2011, gab er mit 89 noch eine Abschiedstournee.

Am 18. Juli 2022 wäre  Georg Kreisler 100 geworden – ein Jahrhundertkünstler wird ein Jahrhundert alt.

Außerdem:

Neue Musik von Drab City, Josh Island, Jack in Water, Misty Boyce, Tami Neilson, Tommy McLain.

Markus Will