Chansons, Lieder und Folk: Richard Dawson flieht ins Jahr 2500

2.000 Jahre umfasst die Zeitreise des britischen Folk-Exzentrikers Richard Dawson of Newcastle upon Tyne, die er in einer namenlosen Trilogie durchlebt. Und vielleicht bleibt es nicht bei dem Dreiklang – Unberechenbarkeit zählt zu den Tugenden des 41-jährigen Metal-Fans, der auf den British Folk ähnlich wirkt ein Captain Beefheart auf den amerikanischen Blues: verstörend, zersetzend, zerrbildartig.

Richard Dawson of Newcastle upon Tyne (Bild: Kuba Ryniewicz)

Richard Dawson of Newcastle upon Tyne (Bild: Kuba Ryniewicz)

Dabei gehörte schon der Auftakt der Reihe aus dem Jahr 2017, „Peasant“ (Bauer), zu den schönsten und zugänglichsten Musikwerken Dawsons. Auf „2020“ hat er den gegenwärtigen Zustand einer Gesellschaft außer Rand und Band in schwärzesten Humor gewälzt – und ist doch noch von der Realität des Brexit eingeholt worden. Diesem so denkwürdigen wie poetischen Meisterstück folgt nun „The Ruby Cord“ (Die Rubinschnur), eine Projektion an einen Ort im Jahr 2500, an dem wir uns mit niemandem mehr auseinandersetzen müssen außer mit uns selbst und unserer Vorstellungskraft. Die Welt ist virtuell, der Materialismus hat sich in die Gedanken verschoben – manche dieser Fantasien sind längst Wirklichkeit.

Musikalisch bedient sich Richard Dawson, der sich keiner Stilrichtung verpflichtet fühlt, einmal mehr stimmlicher wie stimmungsmäßiger Grenzüberschreitungen, die zwischen Psychedelik und Prog-Folk wandelt, zwischen dem warmherzigen Gewimmer eines Neil Young und dem hypnotischen Reduktionismus eines Sufjan Stevens. „The Ruby Cord“ sticht weit heraus aus dem Fluss der globalen Musikschafferei, ein Album, das seine Schönheit aus einer liebevollen Regellosigkeit bezieht, die schon mit dem Auftaktsong unsere Geduld einfordert: Er ist 41 Minuten lang. Aber so was kennt man ja von Richard, der auf seinem aktuellen Lieblings-T-Shirt fordert: „Don’t be a Richard“.

Außerdem in dieser Sendung:

Neuheiten von James Yorkston & Nina Persson and The Second Hand Orchestra, Michael Benjamin, The Green Apple Sea, Violetta Parisini, Rüdiger Bierhorst, Ulrich Zehfuß, Flora Falls, Raquel Martins, Júníus Meyvant, Benjamin Clementine

Markus Will