Dove Ellis ist 22 Jahre alt –- oder 23, genau ist es nicht bekannt, denn Irlands neues Talent behält viel für sich. Sein erstes Album "Blizzard" buhlt auch nicht um Aufmerksamkeit. Es verarbeitet Zurückhaltung und Pausen mit einem Vertrauen darauf, dass gute Songs kein Regelwerk brauchen. Ellis’ Stimme erinnert in ihrer offenen Fragilität an Jeff Buckley oder Thom Yorke, ohne diese Referenzen je auszuspielen. Sie steht im Raum, wie sie ist: verletzlich. Und sie erlaubt sich, leise oder weinerlich zu bleiben oder beides.
Musikalisch verbindet "Blizzard" klassische Folk-Formen mit ungewöhnlichen Farben. Gitarren schimmern wellenartig, dazu treten Saxofon, Flöte und sparsame Streicher, nicht als Ornament, sondern als Erweiterung der inneren Bewegung der Songs. Liebe, Verlust und Nähe sind bei Ellis keine Erzählungen, sondern fragile Zustände, die auch mal zu Rock-Momenten aufwallen können. Er formuliert Bilder, die haften bleiben - intim, körperlich, oft schutzsuchend. Seine Texte wirken weniger wie Gedanken, die man beim Atmen fasst.
Auffällig ist auch, was dieses Album nicht tut: Es erklärt seinen Urheber nicht. Ellis gibt wenig preis, verweigert die begleitende Selbsterzählung, die Debüts heute oft absichert. Gerade dadurch gewinnt "Blizzard" an Gewicht. Die internationale Kritik reagiert begeistert: Als wäre hier plötzlich jemand aufgetaucht, der keine Generation repräsentieren will - sondern Musik macht, die über Generationen hinweg Bestand haben könnte. Eines der bemerkenswertesten Alben des Jahres 2025.
"Blizzard" von Dove Ellis ist erschienen am 5. Dezember 2025 auf Black Butter / AMF Records.
Die weiteren Alben des Jahres 2025 (nach internationalen, gewichteten Rezensionen)
2. CMAT: "Euro Country" - Ciara Mary-Alice Thompsons selbstironischer Country-Pop zwischen irischer Identität und politischer Reibung (AWAL Recordings)
3. Ryan Davis & The Roadhouse Band: "New Threats From the Soul" - epischer Cosmic Country voller Sprachlust und existenzieller Umwege (Tough Love)
4. Perfume Genius: "Glory" - muskulöse Band-Arrangements treffen auf fragile Reflexion über Zeit und Vergänglichkeit (Matador)
5. Kathryn Joseph: "We Were Made Prey" - düsterer Elektro-Folk mit industrieller Wucht und emotionaler Radikalität (PIAS)
6. Victoria Canal: "Slowly, It Dawns" - ein Tagebuch über das Erwachsenwerden zwischen Pop und Klavierballaden (Parlophone)
7. Caroline: "Caroline 2" - kollektiver Avant-Folk zwischen genialem Chaos und kammermusikalischem Experiment (Rough Trade)
8. Steve Gunn: "Daylight Daylight" - zurückgenommene Folk-Miniaturen mit großer innerer Weite (No Quarter)
9. MF Tomlinson: "Die to Wake Up From a Dream" - überbordende Art-Folk-Landschaften über das Leben im Dazwischen (PRAH Recordings)
10. Brògeal: "Tuesday Paper Club" - keltischer Folk-Punk mit Optimismus, Melancholie und ungebremster Energie (PIAS)
11. Japanese Breakfast: "For Melancholy Brunettes (& Sad Women)" - melancholische Americana über Rollenbilder und Inszenierung (Dead Oceans)
12. Jonathan Richman: "Only Frozen Sky Anyway" - stilistisch ausgereiftes Alterswerk über Übergänge und Vergänglichkeit (Blue Arrow Records)
Maaru Will