Chansons, Lieder und Folk: Jakob Dobers und die Angst hinterm schönen Schein

Zwanzig Jahre Berlin, zwanzig Jahre Stadt atmen, und dann ein Album, das um eine bestürzende Frage kreist: Was erzählen wir uns eigentlich, um nicht über das zu reden, was uns wirklich ängstigt?

„Jakob Dobers (Bild: Anne Backhaus)“
„Jakob Dobers (Bild: Anne Backhaus)“

Jakob Dobers lebt und arbeitet seit über zwei Jahrzehnten in Prenzlauer Berg, hat die Verwandlungen dieses alternativen und doch verschwenderisch schönen Berliner Viertels hautnah miterlebt – die Fassaden, die einen neuen Anstrich bekommen haben, die Mieten, die sich vermehrfacht haben, die Menschen auf den Café-Terrassen, die mediterrane Gelassenheit versprühen, während sich in den Schatten die Angst versteckt. Aus dieser Beobachterposition heraus hat er "Signale" geschrieben, sein zweites Studioalbum, produziert hat es der Leipziger Musiker Florian Sievers (Das Paradies), der ganz ähnliche Erfahrungen aus seiner Stadt mitbringt – die Zusammenarbeit der beiden ist ein Treffen von Seelenverwandten.

"Signale" klingt leichtfüßig, minimalistisch, offen: Indie-Folk-Pop mit kleinen psychedelischen Echos. Dobers schreibt über Cyberkids, die in Zwischenräumen träumen, über die Helligkeit des Sommers, der er misstraut und ausweicht, über Menschen, die lautstark betonen, dass man ja nichts mehr sagen dürfe – und es dabei pausenlos tun. Er wundert sich, verurteilt nicht, und trifft damit etwas sehr Genaues über das Lebensgefühl in den privilegierten Vierteln unserer Zeit. "Die Zukunft gibt es nimmer, dafür Gegenwart für immer" – das ist kein Trost, sondern ein Befund.

Dobers und Sievers haben dazu eine Musik kreiert, die dem Inhalt nicht ähnelt. Nichts Schweres, nichts Düsteres – stattdessen ein leichter, fast verspielter Folk-Pop-Sound, der seine Figuren trägt, ohne sie vorzuführen. Er ist Gegenprogramm zu dem, was Dobers beschreibt. "Signale" gibt Raum zum Atmen in einer Welt, die mit Informationen geflutet ist und um Aufmerksamkeit bellt. Jakob Dobers will keine Aufmerksamkeit. Er flaniert mit uns zu unseren eigenen Gedanken.

"Signale" von Jakob Dobers ist erschienen am 3. April 2026 bei Staatsakt.

Außerdem in dieser Sendung

  • Musik-Doku "It's Never Over, Jeff Buckley" im Kino
  • Sophia Kennedy: Songwriting-Chamäleon aus Hamburg am 8. April in Aachen
  • Marie Warnant: Lütticher Singer-Songwriterin und Multiinstrumentalistin mit dem Blick auf zwanzig Jahre Eigensinn – live am 9. Juli in Vielsalm ("Panorama 20“, Marie Warnant)
  • Estelle Bourgeois: Lütticher Sängerin und Klangforscherin mit vibrierenden Chansons über ihre Stadt und deren Dichterinnen ("D’ou je suis“, Homerecords.be)
  • Raphaële Germser: Französische Komponistin mit entschleunigtem Brüsseler Chanson-Debüt ("Comètes“, Raphaële Germser)
  • Coraline Gaye: Brüsseler Songwriterin-Debüt zwischen Klassik und Pop-Miniaturen ("La couverture des choses“, Humpty Dumpty Records)
  • Turner Cody & The Soldiers of Love: Biblische Americana aus belgischer Produktion von Nicolas Michaux ("Out for Blood“, Capitane Records)
  • Jacques Duvall & Benjamin Schoos: Belgisches Dandy-Duo mit eleganten Oden an den Schlaf und ähnliche Zustände ("Plein sommeil“, Freaksville)
  • Saule: Liedermacher Baptiste Lalieu mit neuem Song-Powerhouse-Album ("La source", Blue Milk Records)
  • Stéphanie Blanchoud: Intimes Chanson-Pop-Projekt der belgisch-schweizerischen Schauspielerin ("Au détour“, Lucky Star Productions)

Maaru Will

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