Margaret Comes aus Chicago, Künstlername Gia Margaret, hatte als Kind klassisches Klavier gelernt, brach ihr späteres Musikstudium jedoch ab und arbeitete als Kindermädchen, Buchhändlerin und Zahnarzthelferin; die Ausbildung an der Musikschule hatte sie als kreativ einschränkend empfunden. Privat musizierte sie weiter, debütierte 2014 mit ihrer eigenproduzierten EP "Dark/Joy“. Sie war eine unter vielen jungen Songwriterinnen der USA, feinfühlig, aber auch verwechselbar. 2019 führte eine Kehlkopfentzündung zu komplexen Nervenschäden – und damit für Jahre zum Aus ihrer Stimme. In dieser Zeit hat sie sich eine neue Sprache erarbeitet: instrumentale Ambient-Musik, zart und präzise, beeinflusst von der stillen Eigenlogik des Klangkünstlers Ernest Hood und dem aleatorischen Minimal-Folk von The Books. Jetzt ist die Stimme zurück. Und mit ihr das Album "Singing" – ihr erstes Vokalalbum seit 2018.
Was dieses Album so besonders macht, ist weniger die Rückkehr an sich, sondern was der Umweg hörbar hinterlassen hat. Gia Margaret singt nicht einfach wieder – sie singt und arrangiert anders. Die Instrumente tragen die Stimme, statt sie zu rahmen. Soft-Piano-Linien fallen wie Atemzüge auf Glas, Schichten aus Verzerrung, Gregorianischem Chor und Turntable-Scratches treffen in einem einzigen Song aufeinander. Guy Sigsworth (Alanis Morrissette, Alison Moyet) hat in London mitproduziert, Kurt Vile, Amy Millan und Sean Carey machen Gastauftritte, doch wichtiger als die Namen ist, was aus dieser musikalischen Offenheit entstanden ist: ein Album, das sich wie ein Garten anfühlt – jeder Klang sorgfältig gesetzt, ohne seine eigene Lebendigkeit zu verlieren. Die Songs sind unmittelbar zugänglich als traditioneller Singer-Songwriter-Pop, aber sie tragen die Handschrift der Ambient-Musik: Jeder Klang wirkt in einer eigenen emotionalen Temperatur. Der Opener "Everyone Around Me Dancing" stellt Gia Margaret an den Rand einer Party, körperlich ausgesperrt vom gemeinsamen Erleben – und dadurch, wie sie sagt, "näher am Boden, am Planeten". In "Alive Inside" betet sie zu wem auch immer zuhören mag: einem Gott, einer verschwundenen Freundin, einem Geist. Und "E-Motion", der Abschluss, klingt wie das Ende eines langen Zyklus – als hätte sie erst mit dem letzten Song wirklich begriffen, was dieses Album ist.
"Singing“ von Gia Margaret ist erschienen am 24. April 2026 auf Jagjaguwar.
Außerdem in dieser Sendung:
- Angelo De Augustine: Nach schwerer Erkrankung zurück – mit antiken Instrumenten wie Marxophon und saitenloser Zither ("Angel in Plainclothes", Asthmatic Kitty Records)
- The Milk Carton Kids: L.A.-Folk-Duo mit siebtem Album – kleine Momente, groß gemacht ("Lost Cause Lover Fool", Far Cry Records)
- Glen Hansard: Oscar-Gewinner mit Karriereretrospektive live aus dem Berliner Funkhaus ("Transmissions East, Vol. 1", Plateau Records) – Konzert am 6. Mai in Köln
- Tofusmell: Rae Chen aus Winnipeg mit Debüt zwischen Bedroom-Pop und Zen-artiger Zerbrechlichkeit ("All My Time", Hardly Art)
- Sean Solomon: Aus der (Alb-)Traumfabrik Hollywoods zum Debütalbum über Psychosen und das Hamsterrad der Kreativindustrie ("The World Is Not Good Enough", Anti-)
- Gem Club: Pianist Christopher Barnes nach zehn Jahren Pause mit einem intimen Album über völlige Hingabe ("Emerald Press", Gem Club)
- Gildaa: Clownin und franco-brasilianische Grenzgängerin zwischen Samba, Jazz und Elektronik ("Gildaa“, Grand Musique)
- Vanessa Carlton: Mit 20 ein Welthit, mit 45 ihr erstes Album auf eigenem Label – und die Presse findet: ihr bestes ("Veils", Libermann Records)
- Noah Kahan: Vermont-Folk-Star mit konfrontativem Nachfolger zu "Stick Season" ("The Great Divide", Mercury Records)
Maaru Will