Chansons, Lieder und Folk: 70 Jahre ESC

Nicht die lauten, nicht die schrillen, sondern die ehrlichen Momente des größten Musikwettbewerbs stehen im Zentrum dieser Stunde, die auf die Geschichte des Eurovisions-Liederwettbewerbs blickt. Sie zeigt, warum die Idee noch immer lebt.

Spielte 1957 mit Bobbejaan Schoepen: Tanzorchester des Hessischen Rundfunks beim Grand Prix Eurovision (Bild: HR/Kurt Bethke)
Spielte 1957 mit Bobbejaan Schoepen: Tanzorchester des Hessischen Rundfunks beim Grand Prix Eurovision (Bild: HR/Kurt Bethke)

Marcel Besençon, Generaldirektor des Schweizer Rundfunks, hat im Januar 1955 auf einer Programmkonferenz der Europäischen Rundfunkunion eine Idee vorgestellt: ein europäischer Schlagerwettstreit nach Vorbild des Sanremo-Musikfestivals. Was daraus geworden ist, wissen wir alle: der Eurovision Song Contest, der Concours Eurovision de la Chanson, das Eurovisiesongfestival. Vom 12. bis 16. Mai ist es wieder soweit: Es laufen die Endrunden und das Finale des 70. ESC in Wien. Der Liederwettstreit hat sieben Jahrzehnte Höhen und Tiefen erlebt, aber vor allem hat er überlebt.

Siebzig Jahre, in denen der Contest gegen Kritik und Häme bestehen musste – zu seicht, zu Schlager, zu bombastisch, zu viel Klamauk und Fetischgedöns. Und doch auch siebzig Jahre, in denen er immer wieder Momente hervorgebracht hat, die über das Format hinausgewachsen sind. Denn es geht nicht nur ums Gewinnen: Der italienische Sänger Domenico Modugno ist 1958 nur Dritter geworden – sein "Nel blu, dipinto di blu (Volare)" ist trotzdem ein Evergreen der Musikgeschichte geworden und der meistgecoverte ESC-Titel aller Zeiten. Salvador Sobral ist 2017 in Kiew aufgetreten, wenige Wochen vor einer lebensbedrohenden Herzoperation, von der nur er und engste Angehörige wussten – und hat im Angesicht der eigenen Zerbrechlichkeit mit seiner tief empfundenen Ballade "Amar Pelos Dois" (Für beide lieben) einen der bewegendsten Wettbewerbssiege errungen.

Wir blicken in dieser Sendung auf Lieder, die ohne Pyrotechnik und Bühnenmaschinerie ausgekommen und trotzdem – oder gerade deswegen – im Gedächtnis geblieben sind. Von frankophonen Chansons über Folk- und Akustikmomente bis zu Belgiens Liedbeiträgen, angefangen beim gepfiffenen "Straatdeuntje" von Bobbejaan Schoepens 1957. Auch wenn die aktuellen politischen Verwerfungen einen Kerngedanken des Contests beschädigen – die Einheit der Europäer zu pflegen und zu feiern – verdient er es, gewürdigt zu werden. Allen Widerständen zum Trotz bleibt der ESC das größte Ringen und Singen in Europa.

Maaru Will

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