Manche Alben entstehen einer Tragödie zum Trotz. Roddy McKinnon, 1966 in Glasgow geboren, hat während der Aufnahmen zu seinem ersten Soloalbum erfahren, dass er an Krebs erkrankt ist. Er hat weitergemacht - weil aus der Diagnose eine künstlerische Notwendigkeit wurde. In drei Alben durchläuft er drei Phasen.
"Time's A Dog" aus dem Jahr 2024 (Album der Woche in BRF1) handelte vom Schock. "Tourist On The Moon" (2025) von der Heilung durch Erinnerung - McKinnon glaubt: Wer sich erinnern kann, kann sich auch eine Zukunft vorstellen. Und jetzt, mit "Lake", ist er angekommen, wo es weitergeht: bei sich.
Das Bild, das er für diesen Abschluss gewählt hat, ist der Genfer See, an dessen Ufer er seit der Jahrtausendwende lebt. "Er hat so viele Namen, er bedeutet so viele Dinge. Er verändert sich ständig. Wir alle sehen ihn unterschiedlich. Er ist allgegenwärtig." Wie einst die Radiowellen, auf denen der junge McKinnon in schlaflosen Nächten Radio France International empfing - auf Langwelle, aus Glasgow - und dabei Französisch lernte, träumte und beschloss, sein Leben zu ändern.
Die zehn Songs auf "Lake" erzählen von dieser Entscheidung: auszuwandern, neu anzufangen, mit den unvermeidlichen Höhen und Tiefen zu leben und schließlich Frieden zu machen mit dem eigenen Spiegelbild. "Close the Window" erinnert an frühe Tage am Ufer - kalt, neblig, klaustrophobisch. Andere Stücke klingen heller, gelöster, wie jemand, der gelernt hat, mit dem Strom zu schwimmen.
McKinnons Karriere verlief alles andere als geradlinig. In den 80ern spielte er in der Glasgower Post-Punk-Band Re-al, wurde vom Manager von Genesis und Phil Collins unter Vertrag genommen, trat im Marquee Club in London auf und in einer US-Fernsehshow. Der große Durchbruch blieb aus, die Musik trat in den Hintergrund. Dann kam der See, dann der Songwriter George Leitenberger als Mentor und Weggefährte und ab 2017 schließlich die eigene Stimme als Soloautor.
"Lake" klingt nach all dem - nach Umwegen, nach Verlust, nach dem stillen Einverständnis mit dem, was das Leben einem eingestellt hat. Mit gereifter Stimme und einer Gitarrenmusik, in der die Furchen der Jahre zu hören sind, schickt Roddy McKinnon seine Gedanken mit den Wellen des Sees in die Welt hinaus.
"Lake" von Roffy McKinnon ist erschienen am 8. Mai.
Außerdem in dieserr Sendung
- Leléka: Zehn Jahre deutsches Folk-Jazz-Quartett um die ukrainische Sängerin Leléka ("10 Years of Music", GLM)
- Kevin Morby: Heartland-Americana des Kansas-City-Songwriters mit Tiefe und Klarheit, produziert von Aaron Dessner ("Little Wide Open", Dead Oceans)
- Kacey Musgraves: Rückkehr nach Texas zu Pedal Steel und Roots-Wärme ("Middle of Nowhere", Lost Highway)
- Neil Diamond: Nach 19 Jahren Bearbeitung der letzte Teil der akustischen Rick-Rubin-Trilogie – und Diamonds letztes Album ("Wild at Heart", UMe)
- Shakey Graves: Alejandro Rose-Garcia über Vaterschaft und flüchtige Schönheit – lo-fi, analog, warm, persönlich ("Fondness, etc.", Dualtone)
- Teddy Thompson: 11. Album des Britisch-Brooklyner Songwriters über die Notwendigkeit zur Veränderung ("Never Be The Same", Royal Potato Family)
- La Doña: Chicana aus San Francisco bereist Lateinamerika und entdeckt das Politische an Cumbia, Rumba und Bachata ("Corrientes", Text Me Records)
Maaru Will