Chansons, Lieder und Folk: Simon Joyner und der Schmerz der "harten Liebe"

Das monumental wirkende, neue Doppelalbum des Singer-Songwriters aus Omaha legt 80 Minuten lang Wunden frei: "Tough Love" trägt die Trauer um seinen verstorbenen Sohn weiter und seziert das schmerzhafte Prinzip komplizierter Beziehungen.

Simon Joyner (Bild: Simon Joyner / BB*Island)
Simon Joyner (Bild: Simon Joyner / BB*Island)

Im Deutschen gibt es keine perfekte Übersetzung zu "Tough Love". Diese Liebe bedeutet: hart im Moment, herzlich in der Konsequenz. Es ist die Kunst, Nein zu sagen, weil man den anderen liebt, und beschreibt ein Verhalten, bei dem man aus Fürsorge streng, distanziert oder unnachgiebig handelt, um einer Person langfristig zu helfen. Das Gegenteil von Lieb- oder Herzlosigkeit: Man mutet dem anderen eine kurzfristige Härte zu, weil eine zu milde oder nachgiebige Art das Problem nur verschlimmern würde.

Bei Simon Joyner bekommt "Tough Love" eine tiefere, schmerzhaftere und existenzielle Bedeutung. Das Album ist im Schatten einer Tragödie entstanden: Drei Jahre zuvor war Joyners Sohn Owen verstorben. Während das Vorgängeralbum "Coyote Butterfly" (2024) die rohe, direkte Trauer verarbeitete, verschiebt "Tough Love" die Perspektive auf die Notwendigkeit, trotz Schmerzes und Schuldgefühlen weiterzuleben - eine Liebe zum Leben und zu den Hinterbliebenen, die sich schwer und "hart" anfühlt.

Herzstück des Albums ist der finale, 20 Minuten lange Titelsong. In dem Lied singt - eher: spricht - Joyner aus der Perspektive seines verstorbenen Sohnes, der zu ihm spricht. Der Text konfrontiert den Vater mit dessen vermeintlichen Fehlern, verpassten Momenten und tiefen Reuen, die sich nie mehr korrigieren lassen - die grausame Ehrlichkeit des eigenen Unterbewusstseins, sich dem schlimmsten Schmerz und den eigenen Schuldgefühlen auszuliefern. Das Album endet mit einer versöhnlichen Erinnerung an seinen Sohn auf einem Spielplatz. "Tough Love" bedeutet für Joyner: Er muss sich durch Dunkelheit und bitterste Vorwürfe kämpfen, um sich am Ende selbst vergeben zu können.

Simon Joyner schwebt seit über drei Jahrzehnten unter dem Radar. Der Songwriter aus Omaha, Nebraska, arbeitet konsequent ohne Manager, was ihm unter Kollegen Kultstatus eingebracht hat - Größen wie Beck oder Conor Oberst berufen sich seit Langem auf seinen ungeschminkten Stil. Sein aktuelles Doppelwerk ist klanglich dicht mit seiner Begleitband The Nervous Stars eingespielt, musikalisch schlagen die Stücke eine hypnotische, oft sperrige Brücke zwischen kargem Folk und dem repetitiven, dunklen Strudel, der an die frühen Velvet Underground erinnert; Arrangements und Stimmfarbe atmen den rauen Geist von Lou Reed.

Die neuen Songs kriechen in die staubigen Ecken fiktiver, komplizierter Beziehungsgeflechte oder beleuchten das schleichende Entfremden alter Freundschaften. Es ist das Werk eines zutiefst gezeichneten Künstlers, der nicht aufhören mag, sein Leben wieder selbst weiterzuzeichnen. "Tough Love" ist eines der wirkmächtigsten Alben der letzten Zeit.

"Tough Love" von Simon Joyner ist erschienen am 22. Mai auf BB*Island.

Außerdem in dieser Sendung

  • Mick Flannery: Irlands musikalischster Steinmetz mit einem Soundtrack über das Scheitern von Beziehungen ("The House Must Win", One Riot Records)
  • Renée Fleming & Béla Fleck: Gipfeltreffen 24-facher Grammy-Gewinner im Zeichen der Appalachen-Tradition ("The Fiddle and the Drum", Renée Fleming Records)
  • Radhika: Schottisches Avantgarde-Debüt einer Künstlerin aus musikalisch indisch-britischem Hause ("Cine-Pop", Glass Modern)
  • Paul McCartney: Unbeschwerter Rückblick des 83-jährigen Weltstars auf seine Teenager-Tage in Liverpool ("The Boys of Dungeon Lane", MPL Communications)
  • Greg Mendez: Intimes, kurzes Dokument über Einsamkeit, eingespielt auf einer alten analogen Bandmaschine ("Beauty Land", Dead Oceans)
  • Tom Joseph: Intimer Lo-Fi-Folk als seelischer Halt gegen das Verschwinden enger Freunde ("Maud’s House", Feber Wolle Records)
  • Magic Tuber Stringband: Instrumentale, hypnotische Folk-Dokumente über den Verlust von Natur und Heimat ("Heavy Water", Thrill Jockey Records)
  • Willie Nelson: 93-jährige Country-Ikone mit ihrem 156. und wieder mal gelungenen Album - inklusive einer Kollaboration mit Bob Dylan ("Dream Chaser", Legacy Recordings)
  • The Coral: Überraschender Stilwechsel zu entspanntem Rocksteady, Doo-Wop, äthiopischem Jazz und Folk ("388", Run On Records)

Maaru Will.

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