Seit über zwei Jahrzehnten steht Alela Diane für einen warmen, traditionellen Folk-Stil. Die in Portland, Oregon lebende Künstlerin ist aufgewachsen zwischen den Flüssen und Hügeln Kaliforniens und geprägt vom Bluegrass-Gesang ihrer Eltern in der heimischen Küche. Dank dieser selbstverständlichen Reifung hat sich Alela Diane eine unerschütterliche Eigenständigkeit bewahrt. Mit ihrer mittlerweile achten Soloplatte "Who’s Keeping Time?" legt die Musikerin nun ein tiefenentspanntes, organisches Werk vor, das jede Form von Studio-Korsett abstreift.
Die Entstehungsgeschichte des Albums gleicht einer Reise in eine entschleunigte Gegenwelt. Nach einer kreativen Durststrecke und dem schmerzhaften Verlust der Folk-Legende und engen Freundes Michael Hurley im Frühjahr 2025 suchte Alela Diane den Weg zurück zu ihrer musikalischen Gemeinschaft. Für gerade mal zehn Tage im August 2025 versammelte die Künstlerin ihre Musiker im staubigen, sonnendurchfluteten Dachboden ihres alten viktorianischen Wohnhauses von 1892. Inmitten von antiken Decken, alten Fotografien, getrockneten Ringelblumen und schlafenden Katzen wurden die Songs komplett in einem einzigen Raum live eingespielt – ohne Klicktracks, ohne digitale Retuschen, getragen vom puren Zusammenspiel atmender Menschen.
Dieses intime, fast museale Setting spiegelt sich eins zu eins in den elf neuen Songs wider, die mühelos wechseln zwischen rauen, cineastischen Momenten und politisch aufgeladenem, polterndem Americana wie in "Piss, Coffee, Blood or Wine?". In "Dusty Rose" verarbeitet sie die tiefen Abgründe einer verloren gegangenen Freundschaft, im augenzwinkernden "Spring Is A Fine Time" die Trauer um den verstorbenen Michael Hurley, doch über allem schwebt eine feingliedrige, versöhnliche Wehmut. Die Songs funktionieren wie eine Einladung, im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit kurz innezuhalten und sich auf das zu besinnen, was am Ende bleibt. "Who’s Keeping Time?" ist ein sanftes Nachdenken über die unaufhaltsamen Zyklen des Lebens, über flüchtige Wahrheiten, Schönheit und das alltägliche Chaos.
"Who’s Keeping Time?" von Alela Diane ist erschienen am 22. Mai auf Loose Music.
Außerdem in dieser Sendung
- Kurt Vile: Entschleunigter Lo-Fi-Blues-Folk über das Älterwerden und die eigene Endlichkeit ("Philadelphia’s Been Good To Me", Verve)
- Gala Dragot: Düstere Avantgarde-Chansons von der früheren Brüsseler ‚The-Voice-Kids’-Siegerin Gala Alaij ("Twerking Music", Cloudshaper & Gala Dragot)
- Samuel Smith: Berührendes Folk-Bilderbuch als Vermächtnis eines an Parkinson Erkrankten ("The Art of Letting Go", Samuel Smith)
- Haylie Davis: Reifes Debütalbum voll bittersüßer Wehmut im Geiste des 70er-Jahre-Laurel-Canyon ("Wandering Star", Fire Records)
- Filiah: Therapie-Pop über die kraftraubenden Anstrengungen gesellschaftlicher Masken ("A Deep Breath Out", Ink Music)
Maaru Will