Chansons, Lieder und Folk: Margaret Glaspy – ein Hoch auf die Widersprüchlichkeit

Die in New York lebende Kalifornierin nutzt auf „I Am Both" die Intimität des Folk, um gegen die eigene Passivität angesichts gesellschaftlicher Missstände zu kämpfen – ein Werk voller rauer Intensität, politischer Haltung und literarischem Storytelling.

Margaret Glaspy (Bild: Ebru Yildiz)

Zehn Jahre nach ihrem Debüt präsentiert sich die in Brooklyn lebende Musikerin auf ihrem vierten Langspieler handwerklich und emotional auf einem neuen Niveau. Mit einem Werk von seltener Schönheit und Intensität, das seine Kraft nicht erst bei wiederholtem Hören entfaltet. Die Songs bewegen sich in einem eleganten, hochgradig ökonomischen Gleichgewicht: Jeder Akkordwechsel und jede melodische Phrase wirken präzise durchdacht, ohne jemals ihre Spontaneität oder den rauen Blues-Unterton zu verlieren, der Glaspys Stil seit jeher prägt.

Besonders faszinierend ist Glaspys furchtlose, klare Stimme, die den Hörer geradezu anspringt. Inhaltlich weigert sich die Sängerin, Verstand und Gefühl zu trennen oder Menschen in glatte Geschichten zu pressen. Stattdessen beleuchtet Glaspy die widersprüchlichen Impulse unseres Daseins und erkennt, dass das Ausleben der eigenen Vielschichtigkeit meist gesünder ist, als sich aus Bequemlichkeit in eine Kategorie pressen zu lassen. Glaspy feiert in den Songs das unvollkommene Menschsein: die Gleichzeitigkeit von verletzlichem Zweifel und politischer Haltung, von fiktionalen Vignetten und ungeschützter Selbstoffenbarung. Der Titel „I Am Both" – „Ich bin beides" – ist das Fundament einer Musik, die sich der kulturellen Sehnsucht nach Symmetrie verweigert. Ihr Themenspektrum reicht von politischen Kommentaren zur US-Wohnungskrise über dylan-eske Mundharmonika-Passagen bis hin zu fragilen, fast schmerzhaften Kleinstadt-Erinnerungen an die eigene Jugend.

Die Platte präsentiert sich auch in der Tiefe als Meisterstück im Sezieren menschlicher Fehlkommunikation. Glaspys Charaktere reden aneinander vorbei, kultivieren Missverständnisse wie ein psychologisches Spiel und schälen Beziehungen bis auf die Knochen ab, um zu sehen, was darunter liegt. Diese dichte Atmosphäre bettet sich in eine warme, einladende Spielart von Roots-Americana ein, die maßgeblich durch die feinsinnige Handschrift des altgedienten Produzenten Joe Henry geprägt ist. Glaspy blickt dabei über das Persönliche hinaus: Sie legt das emotionale Skelett unserer Kultur frei.

„I Am Both“ von Margaret Glaspy ist erschienen am 7. August 2026 bei ATO Records

Außerdem in dieser Sendung:

  • The Mountain Goats: Auf ihrem 24. Studioalbum tarnt John Darnielle bittere Popsongs über das Altern und das Verschwimmen von Erinnerungen in fröhlichen Dur-Akkorden („Days“, Cadmean Dawn)
  • Dave Lofts: Der irische Newcomer besticht auf seiner Debüt-EP mit tiefer Ehrlichkeit und einer soulig trainierten Stimme („Holy EP“, B-Unique Records)
  • Punch Brothers: Das hochkarätige US-Quintett webt ein komplexes, instrumentales Netz aus Melodien und verschmilzt klassischen Bluegrass mit Minimal Music („The Unsung Adventures of The Punch Brothers“, Nonesuch)
  • Erinnerungen an Glen Hansard (†)

+ Neuheiten von Annett Louisan, Nichtseattle, The Mary Wallopers, Elanor Moss und Bernie Taupin

Maaru Will

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