Die meisten, die die resolute, aber bescheidene und etwas unscheinbare Musikerin einmal für sich entdeckt haben, behalten sie für immer im Ohr bzw. auf ihren Playlists. Ihr warmer Ton, der seine akustische Begleitung immer wieder mit gazefeinen psychedelischen E-Gitarren-Läufen rahmt, ihr glockenheller Gesang, der immer wieder ins Schiefe und Laxe ausschert und manchmal tiefe Echos erzeugt, ihre Liebe für jazzige Rhythmik – all das ist eigentümlich, einzigartig und binnen Sekunden wiedererkennbar. Ihr Signature Sound ist der Klang einer suchenden Seele, die nach Versöhnung und Verschmelzung mit der Natur und den Jahreszeiten strebt.
Nach einer dreijährigen Pause verwirklicht Laura Veirs, mittlerweile 52 Jahre alt, mit "Temple Songs" das erste Projekt ihrer 30-jährigen Karriere, das sie komplett im Alleingang geschrieben, arrangiert, produziert und eingespielt hat. Aufgenommen mit nur zwei Mikrofonen und einem Laptop in ihrem umgebauten Gartenstudio – dem "Temple of Bloom" – bedient Veirs neben der Nylonsaiten-Gitarre auch Bass, Tamburin und das Schlagzeug aus dem Keller ihrer Stiefkinder selbst. Produktionstechnisch folgt das Werk dem japanischen Wabi-Sabi-Prinzip der bewussten Unperfektheit: Nichts wurde digital glattgezogen, Hintergrundgeräusche aus der Nachbarschaft wie Regen oder Vögel sind Teil der Tonspur. Geblieben ist das unnachahmliche Ätherische ihrer Arrangements, das eine tiefe innere Ruhe ausstrahlt.
Musikalisch wirft "Temple Songs" einen faszinierenden Blick auf die jüngere Biografie der Musikerin. Nach der schmerzhaften Trennung von ihrem langjährigen Ehemann und Produzenten Tucker Martine litt Veirs zeitweise unter einer so schweren Schreibblockade, dass sie das Komponieren fast gänzlich aufgab. Das neue Werk ist nun – nach dem 2022 erschienenen Befreiungsschlag "Found Light" – der nächste konsequente Schritt ihrer kreativen Emanzipation. In der existentiellen Folk-Ballade "Flying Into Darkness" verarbeitet sie die anfängliche Orientierungslosigkeit. Dem gegenüber stehen Stücke wie das repetitive, fast mantrische "No Masters", für das Veirs alte Tagebucheinträge hervorgeholt hat, oder das feierliche "Feeling Returns", welches die Rückkehr ihrer emotionalen Schaffenskraft zelebriert. Während frühere Alben durch Martines opulente Studio-Arrangements glänzten, setzt Veirs hier auf radikal reduzierte, leise Melodien. Es sind intime, säkulare Hymnen, die ohne große Gefühlsausbrüche auskommen und sich im Œuvre der Künstlerin als ihr bislang ungeschöntester DIY-Meilenstein einreihen.
"Temple Songs" von Laura Veirs ist erschienen am 14. August 2026 auf Raven Marching Band.
Außerdem in dieser Sendung:
- Red Shahan: Der Singer-Songwriter aus Abilene spiegelt auf seinem rauen Americana-Album das harte texanische Landleben wider ("Hard Land", Mercury Nashville)
- The Arcadian Wild: Das Progressive-Folk-Trio aus Nashville verarbeitet auf seinem neuen Akustik-Werk schmerzhafte Erfahrungen mit dem Musikbetrieb ("Make It Out Alive", Rip Stitch Records).
- Finn: Die australischen Brüder Mark und Luke Finn liefern auf ihrem zehnten Studioalbum warmen, organischen Westcoast-Folk-Rock über das bewusste Loslassen ("Control", Woodstock Studios)
- Francesco Guccini: Hommage an den am 6. August verstorbenen italienischen Cantautore und seine literarisch-poetischen Chroniken und Aphorismen (aus den Alben "Folk Beat No.1" [1967], „Radici“ [1972], "L’Ultima Thule" [2012], alle EMI Music Italy)+ Neuheiten von Meshell Ndegeocello, Margo Cilker, Sierra Ferrell und Kenny Whitmire
Maaru Will