Was vor fast 30 Jahren im Keller von Kurt Wagner begann, hat sich zu einem der wandelbarsten Kollektive der US-Szene entwickelt. Wagners tiefer Sprechgesang, der alltägliche Beobachtungen in lakonische Kunst verwandelt, ist wiedererkennbar wie kein zweiter. Auf dem neuen Werk bricht Wagner mit klanglichen Gewohnheiten. Ausgangspunkt war eine nächtliche Radio-Entdeckung, ein minimalistischer Banjo-Song, den er aber nie wiedergefunden hat. Die Suche führte ihn statt dessen zum "Lined Out Singing", einer schottischen Gospel-Gesangsform aus dem 19. Jahrhundert, bei der ein Vorsänger eine Zeile anstimmt und die Gemeinde antwortet. Auf dem Album bricht dieses Call-and-Response-Prinzip vor allem im Song "Stella" durch, wo sich Wagners Stimme eng mit einem sechsköpfigen Chor verzahnt.
Für "Punching The Clown" schrieb Kurt Wagner rund 30 Songs. Zusammen mit Produzent Ryan Olson wählte er zwölf Stücke aus, die in drei Tagen im April Base Studio in Wisconsin live eingespielt wurden. Anstelle von Country-Pop bestimmen ländliche Stille, reduzierte Banjo-Anschläge und Chöre das Bild. In Titeln wie "Just West of Nicolett" blickt Wagner mit minimalistischer Elegie nach Minnesota. Das Stück "White People" thematisiert die politische Zerrissenheit und die Angst vor der Zukunft innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft. "A Doctor In The House", das zart beginnt und von einem hymnischen Gospel-Chor durchbrochen wird, setzt einen Kontrapunkt.
Mit "Punching The Clown" gelingt Kurt Wagner eine überraschende Reduktion mit noch überraschenderer Anreicherung. Nach den elektronischen Experimenten der vergangenen Jahre erdet er den Lambchop-Sound neu und beweist, dass er auch nach bald 30 Jahren kreativ und neugierig bleibt.
"Punching The Clown" von Lambchop ist am 21. August auf City Slang erschienen.
- Außerdem in dieser Sendung
- Fabian Kuhn: Kölner Singer-Songwriter mit akustisch getriebenem Americana-Pop über den Auszug aus der rheinischen Provinz ("All We’ve Ever Been", Cold Start Records)
- Squirrel Flower: Ella Williams mit melancholisch-rauem Folk-Rock aus Chicago über die Zerrissenheit zwischen Gehen und Bleiben ("Say a Prayer to the Gods of Getting Going", Polyvinyl Records)
- Dent May: Der Melodien-Meister aus Mississippi mit Barock-Pop samt Streichern und Bläsern ("The Big One", Carpark Records)
- Phoebe Bridgers: Die Künstlerin aus Pasadena, Kalifornien, mit panoramischen, düsteren Folk-Melodien über familiäre Verluste und gescheiterte Beziehungen ("Lost Weekend", Dead Oceans)
- Grace Cummings: Australische Stimmgewalt mit wuchtiger Avant-Folk-Katharsis ("Bloodhorse!", ATO Records)
- Sondre Lerche: Nach Ausflug zum Musical-Theater ist der norwegische Pop-Ästhet zurück mit Avant-Chamber-Folk und elektronischen Beats ("Acrobats“", PLZ)
- Elanor Moss: Atmosphärisch sparsamer Psych-Folk aus Yorkshire über die schmerzhafte Dynamik von Beziehungen ("The Knife, The Needle", Merge Records)
- Randy Miles: Erdige, akustische Mythen der Appalachen in rauem Roots-Gewand über das familiäre Erbe in Kentucky ("Chaos & Commotion", Oil Lamp Records)
Maaru Will