Chansons, Lieder und Folk: Pokey LaFarge und sein skelettierter Rhythm & Blues

Nach zwanzig Jahren im Musikgeschäft und einem Dutzend Alben bricht der inzwischen in Maine lebende Songwriter mit seinen Gewohnheiten. "Rent Money" kocht den Americana auf ein Minimum herunter – ein konzentriertes Werk über Zukunftsängste und Widersprüche unserer Zeit.

Andrew Heissler alias Pokey LaFarge (Bild: Pokey LaFarge)
Andrew Heissler alias Pokey LaFarge (Bild: Pokey LaFarge)

Wer nach den Vorgänger-Alben "In the Blossom of Their Shade" (2021) und „Rhumba Country“ (2024) eine Fortsetzung der karibisch inspirierten Tanzabende erwartet hat, wird von Pokey LaFarge nicht enttäuscht, aber in die Wüste geschickt. Seine elf neuen Titel markieren eine Zäsur: Es ist die erste Veröffentlichung auf seinem eigenen Label Boxer Boy Records. Der inzwischen in seine 40er eingetretene, komplett nüchterne Musiker blickt auf eine USA, die sich mühsam durch ihr 250. Jubiläumsjahr schleppt. Die Ähnlichkeiten zu den Formwandlern von The Grateful Dead oder den Prototypen eines Woody Guthrie sind dabei unüberhörbar: LaFarge reduziert den Sound aufs Wesentliche, schärft seinen spöttisch-augenzwinkernden Humor und singt in "Big Boss Man" mit schneidendem Falsett gegen eine wachsende soziale Kluft und die unerbittlichen Mechanismen eines manipulierten Wirtschaftssystems an.

Das Fundament dieser Songs speist sich jedoch aus einer neu gefundenen, privaten Ruhe auf seinem Gehöft in Maine. Geläutert, verheiratet mit der Sängerin Addie Hamilton – die auf der Bühne und im Studio als gleichberechtigte Partnerin agiert – und als frischgebackener Vater verarbeitet LaFarge seinen tiefen Glauben an Jesus Christus abseits jeglicher Frömmigkeitsklischees. In Stücken wie "Can’t Take It With You" erinnert er mit beschwingter Lässigkeit daran, dass sich auf dieser Welt zwar alles kaufen lässt, die eigene Seele im Angesicht des Ablebens jedoch unverkäuflich bleibt. Das elegisch schaukelnde Finale "On And On" atmet die fiebrige Intensität einer ländlichen Erweckungspredigt – passend zu jener gottesfürchtigen, düsteren Zelt-Welt, die LaFarge bereits 2020 als Schauspieler im Filmdrama "The Devil All The Time" verkörperte. "Rent Money" ist ein stilsicheres, unbändiges Groove-Monster, das die gute Nachricht im staubigen Gewand eines weisen Soul-Folk unter die Leute bringt.

"Rent Money" von Pokey LaFarge ist erschienen am 11. September 2026 bei ONErpm.

Außerdem in dieser Sendung:

  • Annett Louisan: Ironische Abrechnung mit dem eigenen Klischee und der Anfang des emotionalen Ankommens ("Sehnsucht", Atelier Louisan)

  • This Is Lorelei: Verschrobenes Indie-Folk-Lamento aus dem New Yorker Apartment über Trennungsschmerz und Suchtbewältigung ("The Singer in My Band", Matador Records)

  • Jeanne: Französisches Chanson-Debüt voller melancholischer Eleganz, cineastischer Wucht und ganz ohne Pathos ("Naïri", Sony Music France)

  • Angela Autumn: Spröde, verschlurfte Appalachen-Gitarrenkunst zwischen Naivität und spiritueller Selbsterforschung ("Believer", Gar Hole Records)

  • Buddy Miller: Das 74-jährige Americana-Urgestein wendet sich mit einer Heerschar prominenter Freunde dem good ol’ Country-Folk zu ("Buddy Miller", New West Records)

  • Bronwyn: Furiose, messerscharfe und souveräne Fiddle-Kunst der mehrfachen US-Ausnahmegeigerin des Jahres ("Rattlin’ Bones", Bronwyn Keith-Hynes)

  • AJ Lee & Blue Summit: Progressive Mandolinen-Power aus Kalifornien mit uminterpretierten Lieblingsliedern ("Cover to Cover", Signature Sounds Recordings)

  • Colin Stetson & Brìghde Chaimbeul: Saxofon-Dämonie kollidiert mit schottischer Dudelsack-Tradition in einem hypnotischen Avantgarde-Drone-Sog ("To me, my love", Envision Records)

Maaru Will

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