Jake Xerxes Fussell covert eigentlich keine Hits. Seine Arbeit beginnt in verstaubten Universitäts-Bibliotheken und historischen Tonarchiven, wo er nach vergessenen Liedern von Fischern, Landstreichern und Fabrikarbeitern sucht. Auf seinem sechsten Album "The Old Beloved Path" bricht er mit einer Regel und knöpft sich mit "Rock Island Line" einen der amerikanischen Folk-Standards vor, die er sonst meidet. Doch Fussell unterlegt den Rhythmus mit dem alten englischen Kinderreim "Intry Mintry", wodurch der Eisenbahn-Klassiker eine neue, wehmütige Tiefendimension über Vergänglichkeit erhält. In "Boney", einem alten Arbeitslied aus der Zeit nach Napoleons Tod, verzichtet die Band auf dicke Arrangements: Das Stück wird zu einem skelettierten Klagegesang, der nur von Fussells brüchiger Stimme und einem kargen Klavier getragen wird. Und die historische Katastrophe der südstaatlichen Baumwollindustrie im Up-Tempo-Track "Boll Weevil" kleidet er in einen humorvollen, fast federleichten Galopp aus Mandoline und Perkussion.
Der Schlüssel zu seinem sehr eigenen Sound liegt in der reduzierten Produktion. Zusammen mit seinem neuen Partner, dem Multiinstrumentalisten und Produzenten Ben Whiteley (bekannt durch seine Arbeit mit The Weather Station), verzichtet Fussell auf atmosphärischen Ballast. Die Sessions wurden in North Carolina weitgehend live als spartanisches Gerüst von Musikern in einem Raum eingespielt. Unterstützt wird das Kern-Quartett um Schlagzeuger Dominic Billett und Geigerin Isa Burke von namhaften Gästen wie Wayne Horvitz an der Mundharmonika und Ken Whiteley an der Bass-Mundharmonika. "The Old Beloved Path" reinigt die amerikanische Musiktradition von jeglichem Kitsch und zeigt durch feine, fast unmerkliche Nuancen die pure universelle Kraft des mündlich überlieferten Geschichtenerzählens.
"The Old Beloved Path" von Jake Xerxes Fussell ist erschienen am 18. September 2026 bei Fat Possum Records.
Außerdem in dieser Sendung:
-
Andrew Collberg: Verschrobenes Mixtape über politische Frustration des in Köln lebenden US-Auswanderers ("Hi Hopes", Papercup Records)
-
Grand Corps Malade: Literarisch dichte Seelenschau über Erschütterungen im Beziehungsalltag im tiefen französischen Sprechgesang ("Voir la mer", Anouche Records)
-
Neil Young & The Chrome Hearts: Unsentimentale, milde Akustik-Platte im herbstlichen Klavier-Folk mit seltenen Vintage-Instrumenten ("Second Song", Reprise Records)
-
Bonnie 'Prince' Billy: Brüchige Songschreiber-Kunst im unmittelbaren Live-Gefühl ("Live in the City of Ghosts", Domino Recording)
-
Rodrigo y Gabriela: Perkussiver Flamenco-Gitarrensturm mit Heavy-Metal-Attitüde ("OurHome", ATO Records)
-
Thee Sinseers: Bittersüßer Chicano-Soul aus den analogen Studio-Garagen von East Los Angeles ("Love Stories", Colemine Records)
-
Agnes Obel: Unheimlicher Kammer-Pop aus Klavier-Schleifen und geschichteten Stimmen ("The Meaning of Flowers", Deutsche Grammophon)
+ Neuheiten von Eva Bayer, Simon Ferrante, Dolly Parton, Robert Plant
Maaru Will