"Nichtseattle"? Da klingelt es sofort bei Menschen, die den frühen Tocotronic-Klassiker "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk" zu ihrer Sozialisation zählen. Für die 1985 in Ost-Berlin geborene Katharina Kollmann ist dieser Künstlername jedoch mehr als nur eine Indie-Reminiszenz. Er funktioniert als universelle Metaphorik für eine geografische und kulturelle Identität: die Feststellung, von einem ganz bestimmten Ort zu stammen, beziehungsweise eben genau nicht von dort zu kommen. Kollmann, die in Berlin-Karlshorst aufwuchs und lange Zeit englischsprachigen Folk veröffentlichte, nutzt das Projekt seit 2017 für eine schmerzlich ehrliche Bestandsaufnahme der ostdeutschen Nachwende-Wirklichkeit. Ihr neues, viertes Studioalbum "Große Liebe" weitet diesen sezierenden Blick nun auf das wohl am meisten missbrauchte Gefühl der Popgeschichte aus.
Die zehn neuen Stücke spannen einen weiten Bogen, der biografisch in den 1990er-Jahren wurzelt. Kollmann rekonstruiert die Jahre des gesellschaftlichen Umbruchs als eine Epoche, in der die westliche Konsum- und Medienwelt die Wohnzimmer flutete. Während das Fernsehen unaufhörlich US-amerikanische Hochglanz-Ideale von der perfekten, exklusiven Zweierbeziehung ausspuckte, erlebte die damalige Kindergeneration in ihrem direkten Umfeld oft die harte Realität geschiedener, von Existenzängsten und Bürokratie erschöpfter Eltern. Aus dieser Reibung entsteht der Kern der neuen Platte: Nichtseattle begreift die partnerschaftliche Romantik nicht als Heilsversprechen, sondern stellt ihr ein zutiefst solidarisches, kollektives Netz entgegen.
Die Lieder verweigern sich jeglicher Flucht in ein privates Idyll. Die Stücke erzählen stattdessen von sozialen Bruchlinien, von unperfekten Lebensläufen und von der unbedingten Notwendigkeit, sich innerhalb des heutigen Prekariats gegenseitig Halt zu geben. Das Album feiert die Zuneigung abseits der klassischen Kleinfamilie und findet sie in den Räumen von Zweckgemeinschaften, Nachbarschaften und Wahlverwandtschaften. Musikalisch stützt sich diese inhaltliche Suche nach Gemeinschaft zum ersten Mal auf das organische Fundament einer fest eingespielten, fünfköpfigen Band, die den kargen Liedermacher-Folk der Vergangenheit in ein dichtes, zuweilen lautes Indie-Rock-Gefüge überführt.
In der aktuellen deutschsprachigen Musiklandschaft besetzt "Große Liebe" damit eine solitäre Position. Katharina Kollmann gelingt hiermit eine längst überfällige Aktualisierung des klassischen Protestsongs, indem sie den politischen Kampf nicht mehr auf der Straße, sondern im emotionalen Kern des Alltags verortet. Das Album fungiert als unmissverständlicher Gegenentwurf zur grassierenden Einsamkeit einer durchoptimierten Gesellschaft. Nichtseattle verweigert sich sowohl der zynischen Resignation des modernen Post-Punk als auch dem larmoyanten Eskapismus des gängigen Pop-Feuilletons. Ihre Lieder sind eine Ermächtigung und eine konkrete Gebrauchsanweisung für das Überleben im System: Sie transformiert die vermeintlich private Schwäche des Einzelnen in die unaufhaltsame, kollektive Stärke einer solidarischen Gemeinschaft. Ein großer Wurf, ein Glück im Schmerz.
"Große Liebe" von Nichtseattle ist erschienen am 25. September 2026 bei Staatsakt.
Außerdem in dieser Sendung:
Reinhard Mey: Tiefgründiges spartanisch instrumentiertes Spätwerk ohne Begleitmusiker mit einer Bilanzierung des eigenen Lebens ("Schatzhauser", Electrola)
Girls In Hawaii: Rückkehr nach elf Jahren Studio-Abstinenz auf einem Rock-Fundament mit geschichteten Gitarren ("Eldorado", Capitane Records)
Lizzy McAlpine: Zerbrechliches, analoges Akustik-Gewebe über die Nuancen von Trennungsschmerz ("Angel", RCA Records)
Meg Lui: Singer-Songwriter-Debüt vor zartelektronischer Ambient-Klanglandschaft ("Instant Validation", Asthmatic Kitty Records)
Hermanos Gutiérrez: Flirrender Wüsten-Blues des schweizerisch-ecuadorianischen Instrumental-Brüder-Duos ("Los Ojos Del Cóndor", Easy Eye Sound)
Maaru Will