Chansons, Lieder und Folk: Billie Bird – Die Wärme eines sicheren Hafens

Auf ihrem zweiten Album "La lumière sans fin des étés" verarbeitet die Schweizer Songwriterin Élodie Romain unter dem Namen Billie Bird die Brüche ihrer Biografie – ein wärmendes, analog eingespieltes Manifest für menschliche Nähe und familiären Rückzug.

Élodie Romain alias Billie Bird (Bild: Julie Folly)
Élodie Romain alias Billie Bird (Bild: Julie Folly)

Im 19. Jahrhundert erkundete die britische Forschungsreisende Isabella Bird in Männerkleidung die Welt. Mit dem an sie angelehnten Künstlernamen Billie Bird verweist Élodie Romain auf deren Entdeckergeist und begibt sich auf Spurensuche in der eigenen Vergangenheit. Aufgewachsen in der Umgebung von Lausanne in wechselnden Pflegefamilien, nutzt die Musikerin das im Albumtitel festgehaltene "unendliche Licht der Sommer" als Substitut für die Nestwärme, die ihr in der Kindheit fehlte.

Die acht Chansons kreisen um die Überwindung von Isolation. Das spanisch betitelte, aber französisch gesungene "Soledad" übersetzt den Schmerz nach einer Trennung in einen "Pakt der Gewaltlosigkeit" und bildet die Brücke zu ihren spanischen Wurzeln – ihr Großvater saß unter der Franco-Diktatur im Gefängnis, woraufhin die Familie die Flucht ergriff. Die Sehnsucht nach einem sicheren Hafen führt zum Song "Dans ton royaume", der die Ankunft im emotionalen Schutzraum des Partners herbeisehnt. Eine Hymne auf den engsten Freundeskreis bietet das Stück "QQNEX", das sich explizit an die queere Community richtet.

Verbundenheit ist für Billie Bird Ideal und gelebte Praxis, auch beim Entstehen des Albums: So ist ihre enge Freundin Daniela Weinmann, Kopf der Band Odd Beholder, spontan als Sängerin und Gitarristin in die Aufnahmen eingestiegen, obwohl sie nur gekommen war, um Fotos zu machen. Aufgenommen wurde vollständig analog in ihrem Lausanner Studio, produziert hat sie in Zürich mit dem Multiinstrumentalisten Domi Chansorn. Die Arrangements sind reduziert, verzichten auf künstliche Effekte und rücken die Nähe der Akustikgitarre und Romains ungeschminkte Stimme in den Mittelpunkt. "La lumière sans fin des étés" besticht durch seine tröstliche Entschleunigung und eine fast soghafte Melancholie, die Trennungsschmerzen in ein schützendes Nest verwandelt. Élodie Romain hat ein unaufgeregtes und berührendes Mini-Album eingespielt, dessen filigrane Schönheit nachklingt.

"La lumière sans fin des étés" von Billie Bird ist erschienen am 9. Oktober 2026 bei Mouthwatering Records.

Außerdem in dieser Sendung:

Béla Fleck: Der Banjo-Pionier und 17-fache Grammy-Gewinner entfesselt mit der aktuellen Bluegrass-Elite eine zweistündige Live-Jam-Session im Ryman Auditorium ("Live Heart: My Bluegrass Heart at the Ryman",Béla Fleck Productions)

Rowena Wise: Schnörkellose, unprätentiöse Alltagsbeobachtungen der australischen Singer-Songwriterin auf ihrem zweiten Album ("Bad Things Feel Good", Beloved Records)

Bryan Sutton: Akustische Gitarren-Zwiegespräche des Flatpicking-Stars mit jungen und alten Meister*innen ("From Roots to Branches (Vol. 1)", Mountain Home Music Company)

Maya De Vitry: Zeitgenössische Folk-Klänge zu autobiografischer Poesie aus Nashville ("All My Faith", Mad Maker Studio)

80. Geburtstag der US-Folk-Legende John Prine: Posthum veröffentlichte Songs aus den Sessions seines Klassikers "Lost Dogs & Mixed Blessings" ("Found Dogs", Oh Boy Records)

Widersacher aller Liedermacher: Unkonventionelle, dialektgeprägte Liedermacher-Klänge eines 6-köpfigen bayerischen Kollektivs ("Du & Monaco", music is a unit records)

Maaru Will

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