Chansons, Lieder und Folk: Muireann Bradley – Klangzauber aus Kirchenbänken

Die irische Musikszene ist um eine außergewöhnliche Künstlerin reicher. Auf ihrer neuen Doppel-EP "Rose Dogs & Blackwood Pew" wandelt die 19-jährige Gitarristin und Sängerin aus Donegal durch die US-Blues-Dorados der 1920er und 1930er Jahre.

Muireann Bradley (Bild: John Bradley)
Muireann Bradley (Bild: John Bradley)

Die Erneuerung des Country-Blues kommt gegenwärtig nicht aus den amerikanischen Südstaaten, sondern aus dem ländlichen Norden Irlands. Mit ihrer Veröffentlichung "Rose Dogs & Blackwood Pew" verbindet die Gitarristin und Sängerin Muireann Bradley historische Archivarbeit mit exklusiver Instrumentenkunst.

Die musikalische Sozialisation der Musikerin fand in der Abgeschiedenheit des County Donegal statt, wo sie sich jahrelang durch die Schellack-Sammlung ihres Vaters grub. Anstatt sich an zeitgenössischen Popstrukturen zu orientieren, verinnerlichte sie die synkopierten, hochkomplexen Picking-Techniken von Vorkriegs-Legenden wie Blind Blake oder Mississippi John Hurt. Das Medium der heutigen Aufnahmen bildet dabei ein Instrument von ungewöhnlicher Herkunft: Ihre Akustikgitarre wurde aus dem Holz einer 200 Jahre alten Kirchenbank aus Tasmanien gefertigt, einer "Blackwood Pew".

Wie tief die Irin in die Musikhistorie vordringt, zeigt ihre Aneignung des rätselhaften "Last Kind Word Blues". Die Urheberin Geeshie Wiley gilt in der Musikwissenschaft bis heute als Mysterium ohne Lebensdaten oder Fotos. Bradley befreit diese verlorene Welt zumindest von der musealen Starre, indem sie die historische Vorlage mit einer natürlichen Hauchstimme ins Hier und Jetzt übersetzt. „Rose Dogs“ legt ein rollendes, rasantes Tempo vor, ein dominanter Daumen-Bass auf den tiefen Saiten bildet das rhythmische Fundament für eine losgelöste Melodie auf den hohen Saiten – ein Schaustück für Bradleys Unabhängigkeit an den Fingern. Einen weiteren Schritt zur eigenen Identität vollzieht das Album mit vier Eigenkompositionen wie dem Titel "Dancing On My Grave". Der Song treibt trotz des düsteren Titels als rhythmische, fast trotzige Feier des Weitermachens voran.

"Rose Dogs & Blackwood Pew" fasziniert durch die überwiegende Reduktion auf eine einzige Gitarre und eine Stimme, die den Geist der amerikanischen Ur-Musik verinnerlicht haben. Muireann Bradley gelingt das Kunststück, alte Geister zu wecken und ihnen mit einer staunenswerten, jugendlichen Unbekümmertheit eine neue, europäische Gegenwart zu schenken.

"Rose Dogs & Blackwood Pew" von Muireann Bradley ist erschienen am 23. Oktober 2026 bei Fontana Records.

Außerdem in dieser Sendung:

Michael Kiwanuka: Der Londoner Singer-Soulwriter bricht mit seinen Produktionskonventionen und verarbeitet existenzielle Ängste in einem ohne Umwege eingespielten Werk – dem letzten vor seinem Schlaganfall ("Fudge", Polydor)

Charlie Parr: Der 59-jährige Folker aus Minnesota macht aus einer horrenden Zahnarztrechnung eine Folk-Oper über das Überleben am Existenzminimum ohne Krankenversicherung ("Rooming House", Smithsonian Folkways)

Anna Shoemaker: Lässiger Indie-Folk über emotionale Tiefpunkte und das neue Leben im alten Elternhaus ("Back to Pennsylvania", +1 Records)

The Tallest Man on Earth: Kratzig-intimes Lo-Fi-Album, das seine Melodien reich verschwendet ("Too Late for Edelweiss", Anti)

Fenne Lily: Reflektionen des Loslassens nach ihren Umzug nach New York und dem Verlust ihres Haustiers ("Win Win", Nettwerk)

Richard Thompson: Scharfkantig literarische Galerie aus Charakter- und Milieustudien über Außenseiter, Helden und Alltagsfiguren des modernen Englands ("Hippies, Thugs & Heroes", New West Records)

Charissa Hoffman: Virtuoses Ukulelenspiel zu Songs, in denen sie die Dogmen aus ihrer Kindheit hinter sich lässt ("Horizon", Charissa Hoffman)

Bruce Cockburn: Altersweise Akustik-Kollektion des 81-jährigen Kanadiers mit Neuinterpretationen der Songs seiner Kindheit ("The Blood Of Others", Sunset Blvd Records)

Maaru Will

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