Der Nachfolger eines erfolgreichen Debüts stellt Bands vor eine Zäsur. Wohin führt der musikalische Weg, wenn die erste Euphorie verflogen ist? Das Antwerpener Trio Bluai hat mit seinem Debüt "Save It For Later" 2024 die internationale Musikwelt verzückt, nun vollzieht es auf dem Album "The Way You Talk Reminds Me Of Home" einen Wechsel des Sounds.
Catherine Smet, Caitlin Talbut und Mo Govaerts verabschieden sich in den Londoner RAK-Studios von der folkigen Unbeschwertheit des Anfangs. Unter der Regie von Produzentin Isabel Gracefield (Adele, PJ Harvey) setzten die Musikerinnen auf ein instinktives Live-Verfahren ohne nachträgliche Korrekturen im Studio. Das Ergebnis prägen verzerrte Verstärker und eine kantige Dynamik, die vom rauen Grunge der Neunzigerjahre beeinflusst ist.
Inhaltlich seziert die Platte persönliche Konflikte und familiäre Prägungen an der Schwelle zum nächsten Lebensabschnitt. Der Song "Make A Living" reagiert auf herablassende Kommentare aus dem persönlichen Umfeld der Musikerinnen und thematisiert das Spannungsfeld zwischen existenziellen Selbstzweifeln und künstlerischem Eigensinn. In "Killing Time" wird die lähmende Routine einer abgelaufenen Beziehung über einem sturen Schlagzeug-Rhythmus transportiert. Neben der Auseinandersetzung mit der Abhängigkeit eines langjährigen Weggefährten in "Sober" und der Trauerarbeit in "Alive" beleuchtet das Album in Stücken wie "When I'm Old Enough" oder "Greta's Couch" komplexe Vater-Tochter-Beziehungen sowie die Desillusionierung über die Ehen der Elterngeneration.
Das Grundgefühl von "The Way You Talk Reminds Me Of Home" bewegt sich zwischen Trost, Desillusionierung und dem Versuch, die eigene Vergangenheit zu akzeptieren. Bluai klingen heute rauer, profilierter und trotzdem noch intimer. Dem Trio gelingt das Kunststück, den Druck des "Abliefernmüssens" nach ihrem charmanten Debüt kreativ zu verwandeln, indem sie ihre anfängliche Leichtigkeit gegen radikale Ehrlichkeit getauscht haben. Sie präsentieren ein reifes, geschlossenes Album, das keine einfachen Antworten liefert, aber die Unsicherheiten eines neuen Lebensabschnitts greifbar macht
"The Way You Talk Reminds Me Of Home" von Bluai ist erschienen am 30. Oktober 2026 bei Unday Records.
Außerdem in dieser Sendung:
Heather Nova: Die Musikerin aus Bermudas verbindet auf ihrem 13. Studioalbum die Intimität ihrer Akustikgitarre mit einem modern fließenden Pop-Gewand und singt über Zuversicht und innere Heilung ("The Orchard", V2 Records)
Rayland Baxter: Nach Jahren der Einsamkeit in einer Holzhütte in Tennessee verarbeitet der Alt-Country-Musiker den Tod seines Vaters in einer Americana-Platte voller Anklänge an Dylan, Fogerty und The Kinks ("True Violet", ATO Records)
Isaac Roux: Der ostflämische Singer-Songwriter Louis De Roo tauscht den introvertierten Folk seines Debüts gegen den Breitwand-Sound von Produzent Peter Katis (The National, Interpol) und zielt aufs große Festival-Gefühl ("Lost & Found", V2 Records)
Emory Duncan: Der Singer-Songwriter aus Texas verarbeitet eine tiefgreifende persönliche Krise auf einer balladesken EP, die er in seiner Blockhütte in den Bergen von Santa Cruz aufgenommen hat ("Semicircles and Half Written Songs", Emory Duncan)
+ Neuheiten von: I’m The Hug, Marika Hackman, Ki! feat. Søren Manscher, Siv Jakobsen feat. Marit Larsen, Katie Gregson-MacLeod und Jonah Kagen
Maaru Will