Jazztime: Meine Bilanz 2018

Werner Barth blickt auf seine besten Alben des Jahres 2018 zurück. Von Altmeister John Coltrane bis Newcomerin Susana Santos Silva.

Jazztime mit Werner Barth

Jazztime mit Werner Barth (Bild: Renate Ducomble/BRF)

Das Jazz-Ereignis des Jahres war natürlich das verlorene Album von John Coltrane aus dem Jahr 1963. Da war schon ein gewisser Nervenkitzel dabei, neue Stücke von Coltrane zu hören, über 50 Jahre nach seinem Tod. Die Aufnahmen galten lange als verschollen, wurden aber jetzt wiedergefunden und zum ersten Mal veröffentlicht.

„Both Directions at once: The lost Album“ ist ein Album an der Schwelle zwischen Mainstream und Avantgarde. Deshalb der Titel: „Beide Richtungen gleichzeitig“. Für viele der Höhepunkt des Jahres.

John Coltrane hatte nie einen Nachfolger, auch wenn bis auf den heutigen Tag viele Tenorsaxophonisten seinem Stil nachstreben. Einer, der wie Coltrane klingt, aber einen eigenen Sound entwickelt hat, ist David Murray. Er hat nicht nur einen eigenen Sound entwickelt, er arbeitet vor allem immer wieder an neuen Konzepten. Für sein Album „Blues for Memo“ hat er sich mit dem Hip-Hop-Dichter Saul Williams zusammen getan und für mich persönlich das beste Album 2018 abgeliefert.

Gleich dahinter die CD „Still Dreaming“ von Joshua Redman, Ron Miles, Scott Colley und Brian Blade. Sie träumen noch immer von Ornette Coleman, obwohl nur eine Komposition dieser CD von Ornette Coleman selbst stammt.

„Still Dreaming“ ist eine Hommage an die Musik von Ornette Coleman, gespielt von einem Quartett mit Joshua Redman, dem Sohn von Dewey Redman, einem Weggefährten von Ornette Coleman in den 1960er Jahren.

Joshua Redman finden wir auch als Gast auf der CD „Twio“ von Walter Smith III mit Harish Raghavan (Kontrabass) und Eric Harland (Schlagzeug).

Eine der positiven Überraschungen des Jahres 2018 war auch „The Jig is Up“ der Gruppe FUSK rund um den Schlagzeuger Kasper Tom Christiansen, der alle Kompositionen geschrieben hat.

Bekanntestes Bandmitglied des Quartetts ist Bassklarinettist Rudi Mahall. Für die solistischen Höhepunkte sorgt aber der Trompeter, Tomasz Dabrowski.

In unserem Rückblick auf 2018 darf ein Album von Ivo Perelman nicht fehlen. Er hat schätzungsweise zwei Dutzend CDs in diesem Jahr veröffentlicht. Der Tenorsaxophonist aus Brasilien, der seit langem in den USA lebt, dokumentiert seit einigen Jahren seine Karriere sehr genau. Die meisten CDs hat er zusammen mit dem Pianisten Matthew Shipp aufgenommen. So auch das Triple-Album „Oneness“, auf dem wieder alle Stücke improvisiert sind.

Ein anderes Duo-Album hat mich ebenfalls beeindruckt: Lee Konitz, Saxophon und Dan Tepfer, Piano. Dieses Duo besteht seit zehn Jahren. Deshalb der Titel der CD „Decade“. Lee Konitz hat in diesem Jahr seinen 91. Geburtstag gefeiert und er spielt noch immer „Body and Soul“, in immer neuen Versionen.

In diesem Jahr 2018 hat Kip Hanrahan sich mit einem Album zurückgemeldet: „Crescent Moon Waning“. Bei den Geschichten bei abnehmendem Halbmond wird Kip Hanrahan u.a. von den Bassisten Steve Swallow und dem 2014 verstorbenen Jack Bruce begleitet. Kip Hanrahan komponiert seine Alben mit Aufnahmen aus seinem Archiv, die er immer wieder neu mischt und zusammensetzt.

Die beiden letzen Alben kommen vom portugiesischen Label „Clean Feed“, auch im Jahr 2018 wieder ein Garant für innovativen Jazz. Das erste ist eine Hommage an Yusef Lateef. Dem Posaunist Michael Dessen gleich ein ganzes Album gewidmet hat, mit dem Titel „Somewhere in the Upstream“.

Die Trompeterin Susana Santos Silva war in diesem Jahr so etwas wie ein roter Faden durch viele interessante Alben, Projekte und Festivals. Im November war sie noch die zentrale Figur des Jazzfestivals in Mechelen. Ihre CD „Child of Illusion“ mit dem Saxophonisten Chris Pitsiokos und dem Bassisten Torbjörn Zetterberg schließt unsere Top 10 ab.

Hier meine zehn besten CDs des Jahres 2018:

  • John Coltrane: „Both Directions at once – The Lost Album“ (Impulse)
  • David Murray: „Blues for Memo“ (Motema)
  • Joshua Redman: „Still Dreaming“ (Nonesuch)
  • Walter Smith III: „Twio“ (Whirlwind Recordings)
  • FUSK: „The Jig Is Up“ (WhyPlayJazz)
  • Ivo Perelman – Matthew Shipp: „Oneness“ (Leo Records)
  • Lee Konitz – Dan Tepfer: „Decade“ (Verve)
  • Kip Hanrahan: „Crescent Moon Waning“ (Enja)
  • Michael Dessen Trio: „Somewhere in the Upstream“ (Clean Feed)
  • Susana Santos Silva Trio: „Child of Illusion“ (Clean Feed)

Untitled Original 11383
(J.Coltrane)
John Coltrane
Verve

Kush
(N.Waits/S.Williams)
David Murray feat. Saul Williams
Motema

New Year
(S.Colley)
Joshua Redman
Ron Miles
Scott Colley
Brian Blade
Nonesuch

Ask Me Now
(T.Monk)
Walter Smith III
Harish Raghavan
Eric Harland
Whirlwind Rec.

Circles
(K.T.Christiansen)
Kasper Tom Christiansen
Tomasz Dabrowski
Andreas LangenfeldRudi Mahall
WhyPlayJazz

Part 1
(I.Perelman)
Ivo Perelmann
Leo Rec.

Body & Soul
(L.Konitz/D.Tepfer)
Lee Konitz
Dan Tepfer
Verve

Dancing With Sweetness, Tonight
(K.Hanrahan/S.Swallow/R.Ameen)
Kip Hanrahan
Yellowbird

Part 1
(M.Dessen)
Michael Dessen Trio
Cleen Feed

I Find Nothing
(T.Zetterberg/S.Silva/C.Pitsiokos)
Chris Pitsiokos
Susana Santos Silva
Torbjörn Zetterberg
Cleen Feed

Werner Barth

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