Jazztime: Rückblick auf 2018: Erinnerung an verstorbene Jazzmusiker und das Beste der belgischen Szene

2018 galt es, Abschied zu nehmen von einigen bedeutenden Jazzmusikern: Trompeter Tomasz Stanko und Roy Hargrove, Soul Queen Aretha Franklin und Pianist Cecil Taylor. Außerdem stellen wir einige der interessantesten belgischen Jazz-CDs des Jahres 2018 vor.

Tomasz Stanko im August 2010 in Warschau (Archivbild: Leszek Szymanski/EPA)

Tomasz Stanko im August 2010 in Warschau (Archivbild: Leszek Szymanski/EPA)

Am 2. November ist der Trompeter Roy Hargrove gestorben. Er wurde nur 49 Jahre alt. Roy Hargrove wurde 1969 in Waco (Texas) geboren. Entdeckt wurde er von keimen Geringeren als Wynton Marsalis, der ihn in einer High-School-Band hörte. Da war Hargrove noch ein Jugendlicher und nach dem Studium am Berklee College of Music in Boston und der New School in Manhattan startete er seine Karriere. Gerade mal 20-jährig brachte er alles mit für eine große Karriere: instrumentale Virtuosität und Charisma, die Offenheit, sich immer wieder neuen Wegen zu öffnen. So wurde er zu einem der maßgebenden Jazzmusiker der letzten 30 Jahre. Dabei zeigte er sich stets offen, neue Wege einzuschlagen. Mit seiner Band RH Factor spielte er neben Jazz auch Funk, Soul und Hip Hop.

Tomasz Stanko war einer der bedeutendsten europäischen Jazztrompeter. Am 29. Juli ist der polnische Musiker gestorben. Er wurde 76 Jahre alt. Es waren die freien Klänge des Saxophonisten Ornette Coleman, die Tomasz Stanko zum Jazz brachten. Zuvor hatte der 1942 geborene Musiker klassische Trompete, Violine und Klavier studiert.1963 gab er sein Debüt beim „Jazz Jamboree Festival“ in Warschau. Sehr schnell folgte dann die Zusammenarbeit mit dem Pianisten und Filmmusikkomponisten Krzysztof Komeda, der unter anderem die Musik zu vielen Roman-Polanski-Filmen schrieb. Mit Tomasz Stanko verlor die europäische Jazzszene einen ihre großen kreativen Köpfe, dessen Trompetensound viele nachfolgende junge Musiker geprägt hat.

Man nannte ihn den wildesten Pianisten des Jazz: Cecil Taylor. Am 5. April ist Taylor im Alter von 89 Jahren gestorben. Er erhielt mit sechs Jahren Klavierunterricht, später besuchte er das New England Conservatory in Boston, wo er Komposition und Arrangement studierte. Schon damals begeisterte er sich für die Musik von Bela Bartok und vor allem von Karlheinz Stockhausen. Ebenso revolutionär wie die Musik des Kölner Komponisten für die Klassik wurde Taylors Klavierspiel für den Jazz, in dem er rhythmisch wie harmonisch ganz neue freie Wege ging.

Aretha Franklin war eine der erfolgreichsten Musikerinnen überhaupt: Sängerin, Songwriterin, Pianistin. Am 16. August ist die „Queen of Soul“ im Alter von 76 Jahren an den Folgen einer langjährigen Krebserkrankung gestorben. So stimmgewaltig und stets anderen Klangfarben nachforschend wie Aretha Franklin war kaum eine andere Sängerin. Sie erhielt insgesamt 18 Grammys. Die Zeitschrift „Rolling Stone“ kürte sie 2008 zur besten Sängerin überhaupt. Sie war die erste Frau, die in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde. Ihr Einfluss auf die Jazz-, Pop-, und Rockszene kann nicht hoch genug gewertet werten.

Außerdem sind 2018 folgende bekannten Jazzmusiker gestorben: Wolfgang Schlüter, Hugh Masakela, Erich Kleinschuster, Ali Haurand und Didier Lockwood.

Aus der Vielzahl belgischer Jazz-CD-Neuerscheinungen haben wir folgende kleine subjektive Auswahl getroffen:

  • Antoine Pierre Urbex: Sketches of Nowhere (Igloo) – Zweites Album der (immer noch) sehr jungen Schlagzeugers und Bandleaders. Antoine Pierre hat wieder Kompositionen geschaffen, die in sich geschlossen wirken und doch jedem der Musiker enorm viel Freiraum bieten. Wunderbar das Zusammenspiel des akustischen Klaviers von Bram de Looze und der elektronischen Sounds des Gitarristen Bert Cools. Nicht wegzudenken sind die Interventionen des Trompeters Jean-Paul Estiévenaert.
  • Stéphane Galland & (the mystery of) Kem (OutNote) – Kem, die Farbe Schwarz ist das Symbol Afrikas und der alte Name Ägyptens. Damit ist die Stimmung der neuen Solo-CD des Aka-Moon-Drummers Stéphane Galland vorgezeichnet. Ausgehend von hoch komplexen Rhythmen hat er gemeinsam mit jungen belgischen Musikern ein spannendes und abwechslungsreiches Album kreiert.
  • Flat Earth Society: Untitled (Igloo) – 2019 feiert die Band 20jähriges Jubiläum. An Energie ist nichts verloren gegangen. Das 15 Musiker/innen umfassende Ensemble um Peter Vermeersch lässt Neues in der Tradition von Ellington, Zappa und Dada erklingen. Eine Doppel-CD, bei der einem nie langweilig wird.
  • Brussels Jazz Orchestra und Tutu Puoane: We have a dream (Soulfactory Records) – Fünfzig Jahre nach dem Mord an Martin Luther King haben das BJO und die aus Südafrika stammende Sängerin Tutu Puoane ein Projekt rund um die berühmte „I have a dream“-Rede von Martin Luther King zusammengestellt. Aus „I“ wird „We“ have a dream, ein Plädoyer für Menschenrechte, Bürgerrechte und Rechte der Homosexuellen. Dies spiegelt sich in einer Songauswahl aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahre wieder. Alles getragen vom unverwechselbaren Sound des Brussels Jazz Orchestra und der großartigen Stimme von Tutu Puoane.
  • Walter Hus: Supersonic Flora (Igloo) – Walter Hus (Jahrgang 1959) zählt zu den kreativsten Köpfen der belgischen Musikszene. Grenzen kennt er nicht und dies zeigte er eindrucksvoll auf seinem neuen Album „Supersonic Flora“. Hus wollte klassisches Klavier studieren, aber die Wege des Lebens sind manchmal unergründlich. Walter Hus bekam früh die Gelegenheit für Modedefilees von Yamamoto, Tanzperformances von Anne Teresa De Keersmaeker und Filme von Peter Greenaway zu komponieren. 1984 gehört er zu den Gründungsmitgliedern von Maximalist!, ein Ensemble, das neue Brücken zwischen den verschiedenen Musikgenres baut. Hus arbeitete auch im Rock und Techno-Bereich. In den letzten Jahren begeisterte er sich immer mehr für die mechanische Drehorgel. Gemeinsam mit Dider Laloy und Katy Adam ruft er Belem and the Mekaniks ins Leben. Auf der CD „Supersonic Flora“ präsentiert er Klavierfassungen älterer Werke, wie etwa seines Streichquartetts und einer Oper.
  • LG Jazz Collective: Strange Deal (Igloo) – Auch wenn ale Kompositionen vom Gitarristen Guillaume Vierset stammen, bleibt das Septett seinem Namen treu: Es ist eine Band junger belgischer Jazzer, die erst im Kollektiv den gewünschten Sound finden. Hier trifft Moderne auf fast schon traditionellen Hard Bop.

Hans Reul

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