Jazztime: In Erinnerung an Henry Grimes

In den USA sind im Monat April weitere Jazzmusiker an der Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Unter den Opfern waren viele Afro-Amerikaner, so auch der Kontrabassist, Bandleader und Komponist Henry Grimes.

Trauer, Herbstlaub

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / Monika Schüll

Henry Grimes starb im Alter von 84 Jahren nach einer ungewöhnlichen Karriere. In den 1950er und 60er Jahren spielte er mit allen Koryphäen von Monk über Coltrane und Rollins bis Cecil Taylor. Bekannt wurde er vor allem als Bassist von Albert Ayler.

Dann verschwand Grimes 1967 für 35 Jahre von der Bildfläche und wurde erst 2002 in Los Angeles von einem Sozialarbeiter erkannt und wieder entdeckt für den Jazz. Als „verlorener Sohn“ wurde er im folgenden Jahr zu 25 Festivals weltweit eingeladen. Nach seinem Comeback gab er schätzungsweise 700 Konzerte in 30 Ländern und war deutlich erfolgreicher als in den ersten Jahren seiner Karriere. In den letzten Jahren beeindruckt er vor allem durch Solo-Konzerte. Henry Grimes ist am 15. April in einem New Yorker Krankenhaus gestorben.

Nach seinem Studium an der New Yorker Julliard School war der 1935 geborene Henry Grimes aufgrund seiner guten Technik, vor allem auch mit dem Bogen, ein gefragter Mann. Mitte der 50er Jahre spielte er zunächst mit Thelonious Monk und Steve Lacy und wurde festes Mitglied der Gruppen von Gerry Mulligan und Sonny Rollins. Beim New Port Festival 1958 war er gleich bei sechs Bands als Bassist dabei: Benny Goodman, Lee Konitz, Theolonious Monk, Gerry Mulligan, Sonny Rollins und Tony Scott. Doch auf seinem ersten Album als Leader („The Call“ 1965) spielte Grimes dann Free-Jazz. Ein Jahr zuvor war er Albert Ayler begegnet, dem Free-Jazz-Pionier, der wie er aus Philadelphia nach New York gekommen war.

Nach Albert Ayler war Henry Grimes als regelmäßiger Begleiter von Archie Shepp unterwegs. Ein weiterer Arbeitgeber war Pianist Cecil Taylor. Grimes war schon 1961 Mitglied der Cecil Taylor Unit und sollte dies bis 1967 auch bleiben. 1967 war das Jahr, in dem Henry Grimes verschwand.

New York war in den 1960er Jahren ein schwieriges Pflaster für Avantgarde-Musiker. Deshalb zog es Grimes 1967 nach Kalifornien, wo er auf mehr Auftritte und ein besseres Leben hoffte. Doch die geplante Tournee wurde zum Fiasko. Er konnte die Reparatur seines Instruments nicht bezahlen, der Bass landete im Pfandleihhaus, Grimes musste sich mit kleinen Jobs über Wasser halten. Irgendwie fand er keinen Kontakt zur Szene in Los Angeles und suchte vielleicht auch – nach einer gewissen Zeit – diesen Kontakt nicht mehr. Und das war‘s.

Bis ein jazzinteressierter Sozialarbeiter 2002 auf ihn aufmerksam wurde. Er motivierte Henry Grimes, es noch einmal zu versuchen. Er informierte William Parker in New York, der ihm einen Kontrabass nach Los Angeles schickte. Grimes übte wie wild einige Monate lang, kehrte nach New York zurück, und wurde sofort wieder aufgenommen, in die noch immer grosse Community der Free-Jazzer, die inzwischen von Manhattan nach Brooklyn umgezogen ist.

Ebenfalls im Alter von 84 Jahren ist in der vergangenen Woche in New York der Saxophonist Guiseppi Logan an den Folgen einer Coronavirus-Erkrankung gestorben. Auch er ein Free-Jazzer, der in den 1960er Jahren auf dem legendären Label ESP veröffentlicht hat, genau wie Henry Grimes.

Spin
(H.Grimes)
Henry Grimes Trio
AYLER REC.

Moon Ray
(A.Shaw/P.Madison/A.Quenzer)
Roy Haynes Quartet
IMPULSE

Summertime
(Gershwin/Heyward)
Sonny Rollins
RCA

Son of Alfalfa
(H.Grimes)
Henry Grimes Trio
ZYX

Spirtis
(A.Ayler)
Albert Ayler & Henry Grimes
FREEDOM

The Mac Man
(A.Shepp)
Archie Shepp
MCA

More Call
(H.Grimes)
Henry Grimes
HG

Bulbs
(C.Taylor)
The Cecil Taylor Uni / Roswell Rudd Sextet
IMPULSE

Werner Barth

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