Jazztime: Zum Tod des Enja-Gründers Matthias Winckelmann

Es gibt ein Wort, das in allen Beiträgen über Matthias Winckelmann vorkommt: Enthusiasmus. Der hat sein Leben bestimmt. Jazz-Fan, Label-Gründer und Produzent Matthias Winckelmann war von Beruf Enthusiast. Vergangenen Sonntag ist er im Alter von 81 Jahren in München gestorben.

BRF-Musikredakteur Markus Will (Bild: Thierry Cornely/BRF)

BRF-Musikredakteur Markus Will (Bild: Thierry Cornely/BRF)

Matthias Winckelmann hinterlässt ein Lebenswerk von historischem Ausmaß: das Musiklabel Enja, das schon lange weit über den Jazz hinaus den musikalischen Reichtum vom Rande der Welt bewahrt. Sein Vater hätte ihn gern in der Wirtschaft gesehen, als Volks- oder Betriebswirt. Tatsächlich hat er ein Wirtschafts- und Soziologiestudium absolviert, doch Menschen interessierten ihn am Ende mehr als Zahlen. Seinem ökonomischen Verstand ist allerdings zu verdanken, dass sein aus Herzblut gegossenes Unternehmen Enja – „European New Jazz“ – über ein Jahrhundert bestanden hat, und das bis heute.

Er beließ es nicht beim Entdecken und wurde, ähnlich seinem ECM-Kollegen Manfred Eicher, auch Produzent. Attila Zoller, George Gruntz, Walter Norris, Chet Baker, Bennie Wallace, Abbey Lincoln oder Abdullah Ibrahim fanden bei ihm ideale Bedingungen, um sich frei zu entfalten. Ganz besonders Ibrahim (damals Dollar Brand) erwärmte Matthias Winckelmanns Herz für Musik aus nicht-westlichen Kulturen, weshalb Enja kein „reines“ Jazz-Label ist. Bezeichnend für die ästhetische wie klangliche Wucht dieser Horizonterweiterung ist das 1980 von panamerikanischen Expats gegründete Salsa-Orchester Conexión Latina.

Wir verabschieden uns mit Musik vom ersten Enja-Album (Mal Waldron) und vom erfolgreichsten (Chet Baker) und sagen: Danke, Matthias Winckelmann, für die Musik – und für den vorbildhaften Enthusiasmus.

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Markus Will