Jazztime: Bossa Bielorussa – Soyuz’ warme Wellen aus einem erkalteten Land

Mit Markus Will.

Anton Nemahai (links) und Alex Chamuk von Soyuz (Bild: Olya Shnarkevich)

Anton Nemahai (links) und Alex Chamuk von Soyuz (Bild: Olya Shnarkevich)

Dieser Tage erreicht uns wenig Gutes aus Russland, auch kulturell. Ähnlich steht es um das „Bruderland“ Belarus: Wer offen und lautstark für Meinungs- und Kunstfreiheit einsteht, hat das Land längst verlassen. Dem Jazz an sich geht es noch nicht an den Kragen, außer Musiker beteiligen sich an Anti-Lukaschenko-Aktionen, dann drohen Verfolgung und Strafkolonie wie dem Jazz-Saxophonisten Pavel Arakeljan.

Das Jazz-Kollektiv Soyuz (Союз – Gewerkschaft) um den Komponisten Alex Chumak und seine Mitmusiker Anton Nemahai und Mikita Arlou waren zuletzt noch unbehelligt vom Staatsterror, sie musizieren weiter in Belarus. Dennoch sind sie in eine Emigration gegangen: „Сила ветра“ (Sila vetra – Kraft des Windes) ist eine künstlerische Flucht in die warmen Harmonien des brasilianischen Jazz und und der Música popular brasileira. Eine solche Musik erwartet keiner aus Belarus.

Erstaunlich ist, dass „Force of the Wind“ – so der englische Album-Titel des publizierenden Labels Mr. Bongo – nicht nur mit den aktuellsten Veröffentlichungen aus Brasilien auf Augenhöhe spielt, sondern auch mit seiner teils synthetisierten Retro-Psychedelik eine Dimension der Entrückung hinzufügt. Vielleicht schwingt darin die Utopie eines anderen, eines warmen Belarus in seiner radikalsten Form. Bis dahin ist „Force of the Wind“ von Soyuz eine Brücke zur Hoffnung, dass wir den Austausch mit dem Land und seinen Künstlern nicht verlieren. Es lohnt sich, weiter hinzuhören.

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