Julian Lage gehört seit Jahren zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen Jazzgitarre. Seine technische Souveränität und stilistische Offenheit sind weithin bekannt – spannender ist jedoch, wie konsequent er seine Rolle immer wieder neu befragt. Auf "Scenes From Above“, seinem fünften Album für Blue Note, tritt er bewusst einen Schritt zurück: weg vom klassischen Bandleader-Gestus, hin zu einer Musik, die aus Gleichberechtigung entsteht.
Das Quartett, das Lage dafür zusammengestellt hat, knüpft lose an seltene Besetzungen der Jazzhistorie an: Gitarre und Orgel, Bass und Schlagzeug. John Medeski an Hammond B3 und Klavier, Jorge Roeder am Bass und Kenny Wollesen an den Drums bilden mit Lage ein Ensemble, das Effekte umschifft und auf Durchlässigkeit zielt. Die neun Stücke des Albums entstanden in kurzen, konzentrierten Schreibphasen – zwanzig Minuten Komposition, eine Aufnahme, dann weiter. Das Ergebnis sind offen angelegte Stücke, die Raum lassen für Reibung, Verdichtung und überraschende Wendungen.
"Scenes From Above“ wirkt über weite Strecken leicht und zugänglich, ist aber keineswegs ein Wohlfühlalbum. Nach schwelgerischen Passagen kippt die Musik auch wieder ins Experiment: Harmonien werden schiefgestellt, Grooves aufgebrochen, Arpeggien geraten in Tumult. Diese sporadische Unruhe verleiht dem Album Spannung. Und Julian Lage hat hörbar Freude daran, Kontrolle abzugeben – sein Vertrauen auf das kollektive Moment erzeugt eine heitere Atmosphäre.
"Scenes From Above“ von Julian Lage ist erschienen am 23. Januar 2026 auf Blue Note.
Außerdem in dieser Sendung:
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Maaru Will