Jazztime: Julie Campiche – Harfe für die Ungehörten

"Für die meiste Zeit der Geschichte war ,Anonymus’ eine Frau“: Julie Campiche zeichnet auf "Unspoken" acht Frauenporträts – ein kreatives Manifest für Sicht- und Hörbarkeit weiblicher Kreativität.

“Julie Campiche (Bild: Adrien Perritaz)”
“Julie Campiche (Bild: Adrien Perritaz)”

Julie Campiche, Schweizer Harfenistin und Trägerin des Swiss Music Prize 2025, hat mit "Unspoken" ihr erstes Soloalbum vorgelegt – und es ist ein kämpferisches Statement. Acht Kompositionen, acht Porträts: Frauen und Frauenbewegungen, die Enormes leisten, um sich patriarchalen Auswüchsen und Ungleichgewichten entgegenzustellen, oft ohne Dank, ohne die Sichtbarkeit, die sie verdienten. Den Ausgangspunkt liefert ein Gedanke von Virginia Woolf, "For most of history, 'Anonymous' was a woman", frei entlehnt aus ihrem Aufsatz "A Room of One’s Own“ (Originalzitat: "I would venture to guess that Anon, who wrote so many poems without signing them, was often a woman“). Campiche macht daraus Musik – solo und dennoch nicht allein, sondern in Verbundenheit mit Bassist Fabien Iannone, dessen Kontrabass der Harfe Boden und Gewicht gibt. Die Porträtierten reichen von der Schweizer Künstlerin und Aktivistin Griselidis Réal über Las Patronas, die mexikanischen Schutzengel illegaler Migranten, bis zu Andréa Bescond, der französischen Choreografin und Filmemacherin, die Gewalt gegen Kinder und Frauen mit jedem künstlerischen Mittel benennt. Julie Campiche, geborene Genferin, war die erste Harfenistin mit einem Jazzmaster an der Haute École de Musique de Lausanne – die Harfe ist bei ihr kein Saiteninstrument für Salons, sondern eines, das behauptet, fordert, tröstet. "Unspoken" ist mehr als eines der besten aktuellen Jazz-Positionen zum Internationalen Frauentag am 8. März – es ist ein reiches, pulsierendes Mosaik von Klängen, Stimmen und überraschenden Ideen, die weiblicher Ideenkraft ein Klangdenkmal setzt.

"Unspoken“ von Julie Campiche ist erschienen am 13. Februar 2026 bei Ronin Rhythm Records.

Außerdem in dieser Sendung:

  • Black Flower: Brüsseler Ethio-Jazz-Quintett schiebt ihrem Sensationsalbum "Kinetic“ eine EP nach ("Motions", Sdban Ultra)
  • The Messthetics & James Brandon Lewis: Fugazi-Rhythmussektion trifft New Yorker Tenorsax-Kraft ("Deface the Currency", Impulse!)
  • Walter Smith III: Tenor-Maßarbeit im pianolosen Trio mit Kendrick Scott, abwechselnd Joe Sanders oder Ron Carter, und Gaststar Branford Marsalis ("Twio, Vol. 2", Blue Note)
  • Robert Jukič: Slowenisch-Brüsseler Bassist mit filmisch-literarischem Klangtagebuch ("We All Bleed", Real Over Junk)
  • GingerBlackGinger: Das furchtlose Ensemble der belgischen Bassistin Yannick Peeters legt mit Avant-Jazz-Ikone Tim Berne Album zwei vor ("Smalltalk Code", Challenge Records)
  • SH Group: Das Brüsseler Quintett strebt mit den Streicherinnen des Iguarán Quartet nach Heilung ("Playing for Change", Sébastien Hugue)
  • Konzert-Tipp: Jasper van't Hof & Peter Materna – Release-Konzert zu "Skyline" (VÖ im April), live am 8. März im Collegium Leoninum, Bonn

Maaru Will

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