Jazztime: Paul Lay und die 17 Stimmen aus Toulouse

Ein Jazztrio, ein Kammerchor in halber Big-Band-Größe, Gedichte von Victor Hugo, Emily Dickinson, Pablo Neruda und Thoreau – und Inspirationen aus fünfhundert Jahren: Das Album "Wave of Lights“ ist ein gelungenes Wagnis.

“Joël Suhubiette und Paul Lay (Mitte) mit Les Éléments (Bild:François Passerini)”
“Joël Suhubiette und Paul Lay (Mitte) mit Les Éléments (Bild:François Passerini)”

Als der Dirigent Joël Suhubiette seinen Kammerchor Les Éléments auf Paul Lay und sein Jazztrio losließ, war das für die meisten Chormitglieder Neuland: Plötzlich sollten Stimmen, die jahrzehntelang präzise notierte Vokalmusik aufgeführt hatten, improvisieren – ohne Text, ohne klares Ziel, als wären sie Teile einer Jam Session. Suhubiette nennt das rückblickend "vokal-instrumentale Inspiration".

Was dabei entstanden ist, trägt den Namen "Waves Of Light". Keine Crossover-Mische, sondern ein echter Dialog: Lay vertont Gedichte von Victor Hugo, Emily Dickinson, Pablo Neruda und Henry David Thoreau – und nimmt Bach und Purcell auseinander, um sie jazzdurchspült neu zusammenzusetzen. Der Chor wird dabei mal zur improvisierten Klangmasse ohne Text, mal zur präzisen Stimme zeitgenössischer Komposition – was Suhubiette selbst als "vokales Big Band"-Erlebnis beschreibt. Licht ist der rote Faden: Göttliches und Intimes, Helligkeit und Schatten, Offenbarung und Zweifel. Hörern eröffnet sich hier ein Reichtum an Überraschungsmomenten, wie er im Jazz selten geworden ist.

"Waves Of Light" von Paul Lay ist erschienen auf Libellule Records.

Außerdem in dieser Sendung:

  • Konzert-Tipp – Jazz in Eupen: Marc Copland Quartet feat. Robin Verheyen am 21. März im Alten Schlachthof – Infos beim Veranstalter
  • Flore Benguigui: Ex-L’Impératrice-Frontfrau kehrt zum Jazz zurück – zwölf furchtlos frisch eingespielte Standards und Chansons ("i-330", Decca France)
  • Vliegwerk: Junges belgisches Trio mit Pedal Steel, indischem Harmonium und Kehlgesang ("Vliegwerk“, Vliegwerk)
  • Edgar Knecht: Mit patentiertem Flügel-Modulator, Flamenco-Gitarre und Akkordeon wird aus europäischen Volksliedern Jazz ("Colours Of Europe", Fine Music)
  • Modha: Jazz, Hip-Hop und Soul gegen das Optimierungshamsterrad – mit Gästen aus Melbourne bis Budapest ("At Your Pace", Sonar Kollektiv)
  • Marquis Hill: Gospel, Post-Bop und Rap in einem Trompeten-Atemzug ("[Beautifulism] Sweet Surrender", Black Unlimited Music Group)
  • Echt!: Brüsseler Elektrojazz-Kollektiv legt noch mehr Volt an sein jüngstes Album ("Boilerism Remixes", Sdban Ultra)

Maaru Will

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