Jazztime: Joel Lyssarides’ Flucht aus der Perfektion

Vier Jahre hat der schwedische Pianist am Album "Late on Earth" gearbeitet. Es setzt im Zeitalter des digitalen Glattbügelns auf das Gegenteil: menschliche Unvollkommenheit als Qualitätsmerkmal.

Joel Lyssarides (Bild: Bauer Studios)
Joel Lyssarides (Bild: Bauer Studios)

Joel Lyssarides gehört zu den eigenartigsten Erfolgsgeschichten des gegenwärtigen Jazz: Über 100 Millionen Streams für Musik, die sich weigert, schnelllebig zu sein. Der schwedische Künstler, der derzeit als Pianist neben Nils Landgren arbeitet und Teil des e.s.t.-Tributprojekts mit Dan Berglund und Magnus Öström ist, hat für "Late on Earth" mehr als vier Jahre gebraucht – in engem Austausch mit Produzent Andreas Brandis, der ihn dazu gebracht hat, Perfektion loszulassen und stattdessen dem menschlichen Moment zu vertrauen. Aufgenommen in den legendären Ludwigsburger Bauer Studios, mit Bassist Niklas Fernqvist und Schlagzeuger Rasmus Blixt, entstand ein Album, das aus schlaflosen Nächten und flüchtigen Beobachtungen gewachsen ist. Lyssarides erinnert sich dazu an eine Anekdote: Ein Fan schickte ihm eine Coverversion eines seiner Stücke – und er musste lachen, weil er es nachts um vier in Unterwäsche am Klavier geschrieben hatte. Genau das ist der Geist von "Late on Earth": keine polierten Konzepte, sondern ehrliche Momentaufnahmen. Und zum ersten Mal stehen auf dem Album auch Stücke in Dur – ein kleiner Schritt für die Musiktheorie, ein großer für jemanden, der sich so lange der Melancholie verschrieben hatte.

"Late on Earth" von Joel Lyssarides ist erschienen am 24. April 2026 bei ACT Music.

Außerdem in dieser Sendung:

Billy Childs: Sechsfacher Grammy-Gewinner kehrt nach 30 Jahren zum Klaviertrio zurück – schneller, perkussiver, wacher als je zuvor ("Triumvirate", Mack Avenue)

Tourneestart des Brussels Jazz Orchestra mit Ambrose Akinmusire zum 100. Geburtstag von Miles Davis

Hélène Duret Synestet: Französische (Bass-) Klarinettistin mit neuem Quintett-Album – mit Posaunist Nils Wogram als Gast ("Perception", Igloo Records)

Elmo Nero: Österreichisch-deutsches Trio mit produktiver Reibung als Prinzip ("Perspectivity", Galileo Music Communication)

Raffaele Fiengo: Mailänder Altsaxofonist verbindet New Yorker Jazz mit Bartók und Honegger ("Recall", GleAM Records)

Irmin Schmidt: Der 89-jährige Can-Mitgründer im Dialog mit Nachtigallen, Fröschen und Wassergeräuschen aus seinem Garten in Südfrankreich ("Requiem", Mute)

Jordan Rakei: Soul-Kollaborationen mit der Crème des jungen britischen Jazz ("Between Us", Fontana Records)