Als Srdjan Ivanović als Kind in Sarajevo Schlagzeug lernte, ahnte er nicht, dass der Krieg ihn wenige Jahre später nach Griechenland treiben würde. Dort eröffnete sich ihm eine unbekannte Welt: byzantinische Gesänge, griechische Folklore, internationale Popmusik – gleichberechtigt nebeneinander oder alles auf einmal. Wer in einer solchen Umgebung zum Musiker reift, hört nie wieder mit einer einzigen Logik. Ivanović hat diese Vielheit seitdem weiterentwickelt und in die Welt getragen: Studium am Conservatorium van Amsterdam, Aufenthalt in New York, und schließlich Paris, die Heimat seines Blazin' Quartet, das er 2008 gegründet hat.
Mit "Cosmogonie", dem aktuellen Album des Quartetts – mit Andreas Polyzogopoulos, Federico Casagrande und Mihail Ivanov – beschreibt Ivanović die Entstehung von Klangwelten als Parabel auf eine mythologische Weltengeburt: Musik, die sich aus Balkan-Rhythmik, modernem Jazz, elektronischen Texturen und einer Pariser Nonchalance zusammensetzt, ohne je nach Rezept zu klingen. Komplexe Strukturen wechseln mit unmittelbar zugänglichen Momenten, Energie und Feingefühl halten sich die Waage. Ivanović, der auch für Film und Theater komponiert und mehrfach beim North Sea Jazz Festival ausgezeichnet wurde, zeigt auf "Cosmogonie", dass Weltläufigkeit kein Stilmittel sein muss, sondern einfach sein kann, was man aus seinem Innersten lebt.
"Cosmogonie" von Srdjan Ivanovic Blazin’ Quartet ist erschienen am 8. Mai2026 bei Rue Des Balkans
Außerdem in dieser Sendung:
- Bolbec: Französisches Duo mit imaginären Soundtracks zwischen Morricone und Beastie Boys ("Foutu Félin", Batov Records)
- Philipp Schiepek & Lorenz Widauer: Österreichisch-bayerisches Gitarre-Trompete-Duo mit melodischer Akribie ("Bangers and Ballads", Wooden Waggon Records)
- Hermine Deurloo & Anton Goudsmit: Zwischen lyrischer Mundharmonika und explosiver Groove-Gitarre ("Unfiltered", Challenge Records)
- Jason Moran, BlankFor.ms, Marcus Gilmore: Klavier, Schlagzeug und Elektronik im Echtzeit-Trialog ("Shards", Red Hook Records)
- Nenad Vasilić: Alles organisch, nichts digital auf dem 16. Album des serbischen Kontrabassisten ("Non-Artificial", Galileo)
- Lambert: Der Pianist mit der Stiermaske überrascht mit einem Song- und Jazz-Album – und Neuem über seine Identität ("I Am Not Lambert", Clouds Hill)
- Roland Brival: Wiederentdeckung eines martinikanischen Jazz-Klassikers von 1980 ("Créole Gypsy", Soundway)
- Guillaume Vierset Edges: Belgischer Gitarrist mit EP über die systemische Kaputtheit der Gegenwart ("404: Bug Not Found", Igloo Records)
Maaru Will