Jazztime: Greg befragt Miles

Keine Nostalgie – Neugier! Der in Los Angeles lebende Schlagzeuger Gregory Hutchinson versammelt eine Traumbesetzung, um Miles Davis’ zweites großes Quintett neu zu denken – für die Gegenwart.

Maaru Will
Maaru Will (Bild: Thierry Cornely/BRF)

Tony Williams war 23 Jahre alt, als er für Miles Davis das Schlagzeug spielte und die Jazzwelt auf den Kopf stellte. Gregory Hutchinson hat das nie vergessen. Auf "Kind of Now – The Pulse of Miles Davis" antwortet er auf Williams’ Erbe nicht mit Imitation, sondern mit einer eigenen Weiterentwicklung – nuancierter, weitreichender, die Entwicklung des Schlagzeugs im Miles-Davis-Orbit von DeJohnette über Al Foster bis Billy Hart mitdenkend. Ihnen widmet Hutchinson mit dem nur knapp zweiminütigen Interlude "The Masters" ein eigenes Stück.

Den Kern des Albums bildet Miles’ zweites großes Quintett der Jahre 1964 bis 1969 – Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter, Tony Williams – jene Formation, die den Jazz in die Moderne katapultiert hat. Hutchinson hat sich dafür sein eigenes Traumensemble zusammengestellt: Ambrose Akinmusire an der Trompete, Ron Blake an Tenorsaxofon und Bassklarinette, Gerald Clayton am Klavier, Joe Sanders am Bass. Dazu die Gitarristen Jakob Bro und Emmanuel Michael – als Verweis auf Miles’ frühe Siebziger, auf John McLaughlin und die elektrische Phase. Das Album bewegt sich entsprechend: von Hard-Bop-Grooves über modale Klanglandschaften bis zum woozy Moonscape-Fusion-Sound von "Bitches Brew". Hutchinson presst dabei keine fertige Karrierechronologie aus, sondern lässt das Ensemble die verschiedenen Aggregatzustände von Miles’ Musik gleichzeitig bewohnen. Das Ergebnis klingt weniger wie ein Tribut als wie eine lebendige Gruppensprache – eine, bei der man irgendwann aufhört, Miles zu suchen, und einfach zuhört.

"Kind of Now – The Pulse of Miles Davis" von Gregory Hutchinson ist erschienen am 15. Mai 2026 bei Warner Music.

Außerdem in dieser Sendung:

  • Jeff Parker ETA IVtet: Psychedelischer Langform-Minimalismus live – sieben Jahre gemeinsame Improvisation auf zwei Stücke verdichtet ("Happy Today", International Anthem)
  • Bruno Angelini: Französischer Pianist solo – expressiv und selbstbewusst ("Alone Together! Piano Solo", Solange/Illusions)
  • Marilyn Crispell & Anders Jormin: Erste Duo-Aufnahme der amerikanischen Pianistin und des schwedischen Bassisten – Raum als Improvisationselement ("Memento", ECM)
  • Arturo Sandoval: Mit 76 Jahren und unbändigem Feuer zurück zu den afrokubanischen Yoruba-Wurzeln – mit seinem Sohn als Produzent ("Sangú", TM Records)
  • Brooklyn Funk Essentials: Lati Kronlunds Funk-Kollektiv mit neuer Lust an der Improvisation ("Black Butterfly", Dorado Records)
  • Tank and the Bangas: New-Orleans-Ensemble beendet die Balloon-Trilogie ("The Last Balloon", Verve Forecast)

Maaru Will

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