Jazztime: Ein kollektiver Traum gegen die Dunkelheit der Gegenwart

Mit "We Dream" formuliert die Altsaxofonistin Lakecia Benjamin ein radikales, spirituelles Manifest. Mit wechselndem Ensemble - insgesamt 14 Musikerinnen und Musiker - schlägt das Album die Brücke von den Fundamenten des Jazz zur Gegenwart.

Lakecia Benjamin (Bild: Elizabeth Leitzell)
Lakecia Benjamin (Bild: Elizabeth Leitzell)

Das mittlerweile fünfte Werk der 43-jährigen New Yorkerin ist ein monumentaler, tiefgründiger Wurf. Es verknüpft hochenergetische Rhythmen, packende Poesie und messerscharfe Gesellschaftskritik zu einem strahlenden, spirituellen Licht gegen die Zerrissenheit unserer Zeit. Benjamin knüpft dabei an die große afroamerikanische Tradition des "Black Arts Movement" an. Hier ist Kunst niemals bloßes Entertainment, sondern immer auch gelebte politische und gesellschaftliche Praxis.

Eine kompromisslose Haltung, die sich in der musikalischen Tiefe der Stücke spiegelt. Das Album eröffnet mit der beschwörenden Spoken-Word-Miniatur "First Light", in der sich Benjamins Worte mit den klagenden Rufen von Terence Blanchards Trompete mischen, bevor das darauffolgende "Beyond the Dawn" ein spirituelles 3/4-Modal-Jazz-Epos im Geiste John Coltranes entfesselt. Im feurigen Afro-Latin-Stück "Mi Gente" liefert sich das Ensemble eine dichte Konversation auf Augenhöhe, getragen von den Perkussionen von Nêgah Santos und Oscar Perez’ energetischem Klavierspiel, während Lessie Vonner an der Trompete den Bläsersatz vergoldet. Wie weit dieser kreative Horizont reicht, zeigt das rasant verschachtelte Hardbop-Feuerwerk "Ascension". Hier überlässt die Band dem Gast-Schlagzeuger Joe Blaxx ein energetisches Fundament, während Benjamin das Instrument beiseite lässt, mit strenger Stimme in den Spoken-Word-Modus wechselt und fließende Lyrik über einen hypnotischen Fusion-Beat legt.

"We Dream" ist ein Album von unbändiger Strahlkraft - ohne stilistische Schranken und schon jetzt eine der wichtigsten Jazz-Veröffentlichungen des Jahres.

"We Dream" von Lakecia Benjamin ist erschienen am 5. Juni auf Artwork Records.

Außerdem in dieser Sendung

  • Laurent Doumont: Belgischer Soul-Jazz im Crooner-Stil – Gastspiel mit seinem aktuellenAlbum "Meanwhile" am Mittwoch, 17. Juni in Lüttich, Jacques Pelzer Jazz Club – Infos beim Veranstalter
  • Brussels Jazz Orchestra & Brussels Philharmonic: Majestätisches Mammutprojekt zu Ehren von Toots Thielemans mit über hundert Musikern live im Brüsseler Flagey ("Between a Smile and a Tear: A Toots Celebration", BJO Records)
  • Laura Misch: Londoner Saxofonistin und Produzentin erforscht auf ihrem zweiten Solo-Album die akustische Poesie von Gestein, Höhlen und Kieselwüsten ("Lithic", One Little Independent Records)
  • Chick Corea zum 85. Geburtstag: Gedenken an einen warmherzigen Pianisten und einen der prägendsten Künstler der Jazzgeschichte

Maar Will