Jazztime: Kenny Burrell – Die bluesige Erdung des modernen Jazz

Anlässlich seines 95. Geburtstags blickt die Sendung auf das Lebenswerk eines Gitarristen, der den Sound des Hard-Bop maßgeblich geprägt hat. Sein Stil verbindet urbane Jazz-Harmonik mit den tiefen Wurzeln des Blues.

Kenny Burrell an der UCLA – 1996 bis 2016 leitete er ihr Jazz-Studienprogramm (Bild: Elena Zhukova / UCLA)
Kenny Burrell an der UCLA – 1996 bis 2016 leitete er ihr Jazz-Studienprogramm (Bild: Elena Zhukova / UCLA)

Kenny Burrells herausragende Bedeutung für den Jazz liegt in seiner Rolle als stilistisches Bindeglied. Während viele Gitarristen der 40er- und 50er-Jahre versuchten, die komplexen Linien des Bebop linear auf das Griffbrett zu übertragen, brachte der in Detroit aufgewachsene Musiker eine erdige Blues-Ästhetik in den modernen Jazz ein.

Nach seinem Debüt "Introducing Kenny Burrell" (1956) für Blue Note avancierte er schnell zu einem der gefragtesten Session-Musiker in New York. Seine Fähigkeit, großen Ensembles als ruhiger, rhythmischer Anker zu dienen, zeigt sich auf Alben wie "Earthy" (1957). Burrells bleibender Einfluss manifestierte sich schließlich auf dem Meilenstein "Midnight Blue" (1963), wo er ganz auf ein Klavier verzichtete, um der Rhythmusgruppe und seinen Blues-Phrasen maximalen Raum zu geben. Auch für andere Stilisten war er ein wichtiger Partner: Auf dem gemeinsamen Album mit John Coltrane von 1958 fungierte Burrells Saitenspiel als harmonischer Gegenpol zu Coltranes dichten Saxofon-Kaskaden – es war Coltranes einzige Zusammenarbeit mit einem Gitarristen.

Abseits der Bühne leistete Burrell Pionierarbeit in der akademischen Vermittlung der Musik. 1978 übernahm er die Leitung der Jazz-Studien an der UCLA in Los Angeles und baute dort den ersten eigenständigen Studiengang dieser Art in den USA auf, um die Geschichte des Jazz wissenschaftlich zu verankern. Das Spätwerk des Musikers, darunter sein letztes Studioalbum "Blue Muse" (2003) und das finale Live-Dokument "Unlimited 1" (2016), markiert den Abschluss einer jahrzehntelangen Karriere.

Nach einem schweren Sturz im Jahr 2016 und den Folgen eines Identitätsdiebstahls, der Burrells Familie 2019 in finanzielle Bedrängnis brachte und eine Solidaritätswelle der Jazz-Community auslöste, lebt der Gitarrist heute zurückgezogen in Westwood, Los Angeles.

Außerdem in dieser Sendung:

  • 46. Gouvy Jazz & Blues Festival: Ausblick auf das traditionsreiche Festival auf der Ferme Madelonne südlich der ostbelgischen Grenze. Los geht’s mit dem Jazz-Auftakt am Freitag, dem 7. August; am 8. und 9. folgt das Blues-Programm. Infos beim Veranstalter.