Ralph Alessi pendelt seit drei Jahrzehnten permanent zwischen der mathematischen Präzision der klassischen Moderne und dem freien, radikalen Geist eines Ornette Coleman. Für seine neueste Einspielung hat er sein bewährtes Quartett zu einem Quintett erweitert und dafür seinen eigenen Bruder Joseph Alessi an die Posaune geholt. Ein faszinierender Kontrast, denn Joseph ist im Hauptberuf Solo-Posaunist bei den weltberühmten New Yorker Philharmonikern. Ein Klassik-Star also, der hier seine Komfortzone verlässt und sich auf das unberechenbare Terrain der freien Improvisation begibt.
Früher haben die beiden Brüder so gut wie nie zusammen gespielt, das hat sich erst in den letzten Jahren vorsichtig entwickelt. Obwohl das Schreiben für Posaune für Ralph Alessi Neuland ist, funktionierte das Verständnis im Studio fast blind. Getragen wird ihr packender Dialog von einer Rhythmusgruppe, die permanent unter Hochspannung steht, allen voran Ches Smith, der neben den Drums auch am Vibraphon schwebende, flüssige Farbtupfer setzt. Das Ergebnis ist eine Musik, die die Hörer mitnimmt auf eine Reise zwischen feierlicher Prozession und einem psychedelischen Trip.
"A Sun That Never Sets" von Ralph Alessi ist erschienen am 3. Juli 2026 bei ECM Records.
Außerdem in dieser Sendung:
- Domi & JD Beck: Das unberechenbare Gen-Z-Duo meldet sich nach vier Jahren Funkstille zurück – maximal verspielt, orchestral und erstmals mit eigenem Gesang ("Who Asked?", Apeshit/Blue Note)
- Cindy Blackman Santana: Die Schlagzeug-Ikone bittet ihren Ehemann Carlos Santana (und einmal John McLaughlin) in flammend- atmosphärische Jazz-Rock-Gefilde ("Coherence", Mack Avenue Records)
- Corey King: Der Jazz-Posaunist und Allrounder verarbeitet die Gefühle rund um die Geburt seiner kranken Tochter in einem intimen Werk zwischen Jazz, Indie-Rock und Alt-R&B ("Change the Wind", Western Vinyl)
- Chet Baker: Aus dem Archiv kommen unveröffentlichte, sommerlich-bittersüße (Bossa-Nova-) Sessions aus den Dreharbeiten zum legendären Dokumentarfilm "Let’s Get Lost" ("Swimming by Moonlight", Slow Down Sounds)
- Stéphane Mercier Trio & Edinburgh Quartet: Der belgische Komponist Stéphane Orlando lässt ein klassisches schottisches Streichquartett und modernes Jazz-Trio im Geiste der physikalischen Stringtheorie verschmelzen ("The String Theory – Alpha Project",Homerecords.be)
Maaru Will