Die enorme stilistische Dichte der Brüsseler und Antwerpener Szene basiert auf einem tiefen Verständnis für die Ästhetik von Beat-Culture und elektronischer Live-Improvisation. Anstatt sich an akademischen Vorlagen abzuarbeiten, nutzen die Musiker*innen die Errungenschaften der europäischen Clubkultur als gleichberechtigtes Fundament. Das Trio KVR beispielsweise nutzte während einer einwöchigen, isolierten Improvisations-Session ein Studio unter einer Autobahnbrücke in Rotterdam. Die analogen Synthesizer wurden dabei so extrem modifiziert und übersteuert, dass die digitalen Saitenklänge wie eine mutierte, unter Strom gesetzte Version der traditionellen japanischen Holzzither klingen. Dieser freie Umgang zieht sich wie ein roter Faden durch die Zusammenstellung. Das Phänomen des belgischen Jazz-Booms der letzten zehn Jahre ist eng mit der Arbeit von Crate-Diggern und DJs verknüpft, die seltene Rhythmen in den Vordergrund rücken. Die Formation Slagader demonstriert dieses Prinzip mit dem Stück "Hey", indem sie einen trocken-melancholischen Funk als Skelett nutzt – statt klassischer Solo-Abfolgen dominiert hier eine hypnotische Vorwärtsbewegung, die ihre Energie aus der Repetition des Hip-Hop bezieht – und definiert, wie alle anderen Beiteiligten auf der Zusammenstellung, Jazz als wandlungsfähiges Schaufenster der urbanen Gegenwart.
"Lefto Presents Jazz Cats Volume 4" von Various Artists ist erschienen am 4. September 2026 bei Sdban Ultra.
Außerdem in dieser Sendung:
- Stefan Michalke: Der Aachener Pianist verschmilzt sein Jazzquartett mit einem klassischen Streicher-Ensemble auf magisch sensible Weise ("Michalke & Strings", JazzSick Records)
- Stefon Harris: Der vierfach Grammy-nominierte Vibrafon-Meister mit den letzten Studioaufnahmen seines verstorbenen Partners Casey Benjamin ("Legacy Dances", Motéma Music)
- Henry Threadgill, Vijay Iyer, Dafnis Prieto: Drei Schwergewichte der amerikanischen Avantgarde bürsten auf ihrem ersten gemeinsamen Studioalbum kräftig gegen den Strich ("Fifteen", Nonesuch Records)
- Welten: Das Leipziger Indie-Jazz-Kollektiv feiert sein zehnjähriges Bestehen mit filmischen Soundlandschaften ("Embrace", O-cetera)
- Bitchin Bajas: Das Experimental-Trio aus Chicago mit analogen Synthesizer-Modulationen und ungezähmten Klangformen ("Isle Peaks", Drag City)
Maaru Will