Das Erbe von John Coltrane (*23. September 1926 — †17. Juli 1967) ist von monumentaler Wucht. Auf der einen Seite steht eine fast wissenschaftliche Perfektionierung der Harmonielehre. Seine rasenden Fingerübungen Ende der 1950er-Jahre führten zu jenen dichten Klangteppichen, die Kritiker ehrfürchtig als "Sheets of Sound" bezeichnen. Er trieb das traditionelle Solospiel an eine formale und physische Grenze, die nach ihm wenigeallenfalls variieren, aber nicht mehr überschreiten konnten.
Auf der anderen Seite steht die totale Metamorphose in seinen letzten Lebensjahren und der Bruch mit allen westlichen Hörgewohnheiten. Das Saxofon wurde für Coltrane zum nackten Werkzeug einer überweltlichen Suche. Bis heute gilt er als der unumstrittene, visionäre Prophet des Avantgarde-Jazz, dessen tiefe, modale Strukturen sogar den Psychedelic Rock der 1960er-Jahre und die Rockmusik im Allgemeinen tiefgreifend beeinflussten.
Coltranes Biografie ist untrennbar mit einer inneren Zäsur verbunden. Nach Jahren schwerer Heroinsucht und dem legendären Rausschmiss aus der Band von Miles Davis vollzog er 1957 einen kalten Entzug. Die darauffolgende Lehrzeit an der Seite von Thelonious Monk wirkte wie eine spirituelle und musikalische Wiedergeburt. In seiner nur kurzen kreativen Blütezeit von knapp zehn Jahren schuf er ein kosmisches Werk, bevor er im Juli 1967 mit gerade einmal 40 Jahren verstarb. In San Francisco ist ihm bis heute eine eigene Kirche gewidmet, die seine Musik als offizielle Liturgie feiert.
In der Jazztime blicken wir auf dieses Jahrhundert-Genie und streifen auchsein kurioses Kapitel in Belgien. Am Ende all seiner Höchstleistungen und schmerzvollen Häutungen ging es Coltrane um etwas, das weit über den Jazz hinausreichte. Seine Musik war kein Kind der Kunst, sondern eine Erweckungspredigt im Geiste des Kosmos, die nur zu wenigen Kompromissen bereit war. Vielleicht kann man sagen: John Coltranes Musik ist ein Evangelium der absoluten Freiheit.
Die Alben in dieser Sendung:
- "The Last Giant: The John Coltrane Anthology" (Rhino) – Compilation mit den zum Teil ältestenColtrane-Tondokumenen von 1946–1954
- "Blue Train" (Blue Note) – Der majestätische Befreiungsschlag als frischgebackener Bandleader aus dem September 1957
- "Giant Steps" (Atlantic) – Das angstgeladene, rasende Handwerks-Monster von 1959 mit den berühmten "Coltrane Changes"
- "My Favorite Things" (Atlantic) – Die wegweisende, hypnotische Trance-Metamorphose eines Broadway-Schlagers von 1961
- "The Olatunji Concert: The Last Live Recording" (Impulse!) – Das markerschütternde, letzte Live-Dokument von 1967
Weitere wichtige John-Coltrane-Alben:
Coltranes offizielle Diskografie ist ein riesiges Labyrinth, was vor allem an der rücksichtslosen Veröffentlichungspolitik der Plattenfirmen nach seinem Tod liegt. Zu Lebzeiten veröffentlichte er als Leader oder Co-Leader rund 45 Studioalben und knapp 5 offizielle Live-Alben (vor allem die legendären Vanguard-Sessions). Seine produktivste Phase verbrachte er beim Label Impulse! Records. Als Sideman – also als fest angestellter Gastmusiker im Studio – war er an gut 70 weiteren Alben beteiligt, wobei die Arbeiten für Miles Davis and Thelonious Monk das historische Schwergewicht bilden. Nach 1967 explodierte die Diskografie durch hunderte Raubpressungen, Radio-Mitschnitte und posthume Archiv-Funde, die bis heute regelmäßig erscheinen.
Die wichtigsten Alben abseits der Sendung:
- "A Love Supreme" (Impulse!, 1965) – Das Meisterwerk des Jazz. Eine vierteilige, tief spirituelle Suite, die er als Dankgottesdienst für seine glückliche Suchtbefreiung komponierte.
- Miles Davis: "Kind of Blue" (Columbia, 1959) – Das meistverkaufte Jazzalbum der Geschichte. Coltranes elegisches Solo auf "So What" markiert den historischen Moment, in dem er weltberühmt wurde.
- Thelonious Monk with John Coltrane (Jazzland, 1961) – Das Dokument seiner wichtigsten Lehrzeit aus dem Jahr 1957. Hier lernte Coltrane von Monk, Harmonien völlig neu und eckig zu denken.
- "Africa/Brass" (Impulse!, 1961) – Coltranes allererstes Album für das Impulse!-Label und sein einziges großes Orchester-Projekt mit dichten, afrikanisch inspirierten Bläsersätzen.
- John Coltrane and Johnny Hartman (Impulse!, 1963) – Der butterweiche Gegenpol zu seiner avantgardistischen Härte. Ein makelloses Balladen-Album mit dem Bariton Johnny Hartman.
- "Crescent" (Impulse!, 1964) – Das dunkelste, reifste und spirituell tiefste Album seines klassischen Quartett-Gefüges, direkt vor "A Love Supreme" eingespielt.
- "Both Directions at Once: The Lost Album" (Impulse!, aufgenommen 1963, veröffentlicht 2018) – Ein sensationeller Archiv-Fund, der das klassische Quartett auf dem absoluten Höhepunkt seiner kreativen Kraft zeigt.
Maaru Will