Jazztime: Kim Versteynen & Tim Finoulst - Dialog ohne Ballast

Das flämische Duo legt mit "Signs, Signals and Sirens" sein zweites Studioalbum vor. Die Jazzsängerin und der Gitarrist verzichten auf eine klassische Rhythmusgruppe und stellen das reduzierte, präzise Zusammenspiel von Gesang und Saiten in den Mittelpunkt einer überraschenden Entdeckungsreise durch Pop, Folk und Chanson-Geschichte.

Maaru Will
Maaru Will (Bild: Thierry Cornely/BRF)

Die Zusammenarbeit von Kim Versteynen und Tim Finoulst begann vor über einem Jahrzehnt in der dichten DIY-Szene der Provinz Limburg und fand 2013 mit dem Gewinn des Festivals Dinant Leffe Jazz Nights eine erste breite Anerkennung. Beide Musiker teilen einen akademischen Hintergrund: Versteynen lehrt als Dozentin für Jazzgesang an den Konservatorien in Hasselt und Antwerpen, während der aus Lommel stammende Gitarrist Finoulst nach seinem Master-Abschluss in Antwerpen das dortige Institut mitgeprägt hat.

Diese handwerkliche Reife nutzen die beiden auf ihrem neuen Werk für eine sehr eigenwillige Repertoire-Auswahl. Das Album bricht mit den Erwartungen des klassischen Vokal-Jazz und meidet die üblichen Standards des Great American Songbook.Stattdessen rekonstruieren die beiden Musiker historische Fragmente. Das zeigt sich im Eröffnungsstück "The Mystery of Man", einer Komposition des belgischen Pianisten Francy Boland, der englische Übersetzungen von Gedichten des jungen Karol Wojtyła - des späteren Papstes Johannes Paul II. - zugrunde liegen. Einen klaren Kontrast dazu bildet die Wiederentdeckung der flämischen Kleinkunst: Den ironischen Alltags-Gegenentwurf "Horizontaal" der Sängerin Della Bosiers aus dem Jahr 1971 überführen Versteynen und Finoulst durch ein klares, lyrisches Gitarrenspiel und feine rhythmische Nuancen in die Gegenwart. Das Album vertraut ganz auf die erzählerische Kraft zweier Solisten, die sich blind die Bälle zuspielen.

"Signs, Signals and Sirens" von Kim Versteynen & Tim Finoulst ist erschienen am 18. September bei RailNote Records.

Außerdem in dieser Sendung

  • Robert Jukič: Trio-Nachruf auf die Mutter des slowenischen Kontrabassisten, mit Bram De Looze am Fazioli-Flügel ("Mild Breeze with Hints of Love Lost", RealOverJunk)
  • Tristan Bernoud: Improvisierter Brüsseler Post-Bop des jungen französischen Vibrafonisten und Propulsion-Preisträgers ("Heart Request", Igloo Records)
  • Samy Thiébault & Émilie Aridon-Kociołek: Akustische auf Saxofon und Klavier reduzierte Hommage an das Werk der Fusion-Legende Weather Report ("The Weather Acoustic", Gaya Music Productions)
  • Christian Frentzen: Elektronischer, tanzbarer Fusion-Jazz des Kölner Keyboarders unter Mitwirkung des New Yorker Gitarristen Nir Felder ("Pulses", Roundrobyn Records)
  • The James Taylor Trio: Hammond-B3-Orgel-Groove im Geist britischer Spionagefilm-Soundtracks ("The Truth", Acid Jazz)
  • Haard: Frei improvisiertes Avantgarde-Werk des belgisch-internationalen Quartetts um Stan Maris am Akkordeon und Jordi Cassagne am Kontrabass ("Haard", Jordi Cassagne)

Maaru Will

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