Der Albumtitel verweist auf den salzigen Geschmack von Meerwasser, Stefan Bracaval nutzt ihn als kompositorisches Programm für seine neuen Stücke. Er meidet die süßliche Gefälligkeit seines Instruments und setzt stattdessen auf ein Rhythmusgefüge, das sich aus asymmetrischen Takten zusammensetzt, während die Harmonien auf symmetrischen Tonreihen aufbaut. Diese mathematische Herangehensweise dient ihm dazu, starre Jazzstrukturen aufzubrechen und den Stücken eine wellenartige Bewegung zu verleihen. Seine Band - Gitarrist Jeroen Reggers, Bassist Hendrik Vanattenhoven, Schlagzeuger Gert-Jan Dreessen - erhält für diese Vorgaben viel Raum, der die Kompositionen atmen lässt.
Seine eigentliche Dynamik gewinnt das Album durch das Wechselspiel zwischen reiner Instrumentierung und vokalen Elementen. Die belgisch-brasilianische Sängerin Helena Casella übernimmt auf vier Titeln die Führung des Ensembles. Die Wahl der portugiesischen Sprache begründet sich in ihrer natürlichen Rhythmik, die sich ohne Reibung in die melancholischen Grundstimmungen der Musik einfügt. Die Lieder transportieren Erzählungen von Träumen, Zweifeln und nächtlichen Erinnerungen. Bracaval nimmt sich in diesen Passagen als Solist zurück und agiert aus dem Hintergrund, um der Stimme den Vortritt zu lassen. So entsteht ein transparentes Werk, das der langen Tradition der Jazz-Querflöte eine intime, europäisch-südamerikanische Facette hinzufügt.
"Zilt" von Stefan Bracaval ist erschienen am 2. Oktober im Eigenverlag.
Außerdem in dieser Sendung
- Lisa Kühnemann: Verwobene Jazz-Harmonien und wortloser Gesang aus Köln als gezieltes Abweichen von Denkbahnen ("Schiefsinn", JazzSick Records)
- Patrick Shiroishi & Jason Nazary: Trauerarbeit mit Saxofon, Schlagzeug und Elektronik für die verstorbene Jaimie Branch ("here i am no i", We Jazz Records)
- Louhivuori Lønning Myhr: Live beim We Jazz Festival in Helsinki improvisierte Wolken-Klanglandschaften ("Nubes", We Jazz Records)
- Kate Olson: Geradliniger Modern Jazz der US-amerikanischen Saxofonistin mit Ausflügen in den Oldtime ("So It Goes", OA2 Records)
- Jan Prax: Kraftvolles, dichtes Werk des deutschen Altsaxofonisten in der Tradition des harten Post-Bop ("Elevation", Double Moon Records)
- Abdullah Ibrahim: Erinnerung an den im Juni verstorbenen südafrikanischen Meister an seinem 92. Geburtstag
Maaru Will