Verbrauchertipp: Geplante Obsoleszenz

Wer hat sich nicht schon mal selbst darüber geärgert, dass sein Smartphone, der Drucker oder die Kaffeemaschine kurz nach Ablauf der Garantie den Geist aufgegeben hat? Ist das Zufall? Oder Methode der Hersteller? In diesem Zusammenhang ist oft von geplanter Obsoleszenz die Rede.

Bernd Lorch von der Verbraucherschutzzentrale

Bernd Lorch von der Verbraucherschutzzentrale (Foto: BRF)

Eingeschränkte Nutzungsdauer durch verkürzte Lebensdauer?

Es ist nicht leicht zu belegen, dass Firmen absichtlich Schwachstellen in ihre Produkte einbauen, um deren Lebensdauer zu verkürzen. Nichtsdestotrotz stoßen Tester immer wieder auf Produkte mit einer unerfreulich kurzen Lebensdauer. Beispiel Glühbirne: Die ersten Glühbirnen von Edison hielten länger als diejenigen, die jetzt noch in Gebrauch sind. Das Leben der Glühbirne wurde auf 1000 Stunden festgesetzt, obschon es für die Hersteller kein Problem gewesen wäre, dieses auf 5.000 oder sogar 10.000 Stunden hochzuschrauben. Jüngstes Beispiel waren vor einigen Jahren die etwas älteren iPhone-Modelle. Mit jedem Update wurden die Geräte langsamer. Nur auf Druck der Öffentlichkeit hatte Apple seinerzeit im Nachhinein Anpassungen vorgenommen.

Verbraucher neigen zum (Neu-)Kauf

Der Trend, immer schneller etwas Neues zu kaufen, hat sich in den letzten Jahren tatsächlich verstärkt. Das geht aus Marketingerhebungen vor. Ein Durchschnittsamerikaner hat bis zu seinem 18. Geburtstag über 100.000 Werbebotschaften aufgesogen. Er ist durch die Werbung praktisch von Konzerninteressen durchimprägniert. Da liegt es auf der Hand, dass Kaufentscheidungen durch externe Faktoren manipuliert werden. Dies zeigt sich auch am Beispiel der Lebensmittelindustrie. Intensiv werbenden Konzernen wie Coca Cola, McDonalds oder Ferrero mit seiner Milchschnitte haben vernünftige Lebensmittel wie etwa Gemüse, Obst, Milch oder Vollkornbrot nur wenig entgegenzusetzen.

Ein Neukauf kurbelt die Wirtschaft an. Geht diese Rechnung auf?

Hier gehen die Expertenmeinungen auseinander. Die einen sind der Auffassung, dass diese Rechnung nur kurzfristig aufgeht und dem Verbraucher auf lange Sicht etwas vorgemacht wird. Kurzlebige Produkte sind positiv für die Rendite und somit für die Investoren, aber nicht für die Verbraucher. Renditeinteressen haben Vorrang gegenüber Verbraucherinteressen.
Andere hingegen sagen, dass „Geplante Obsoleszenz“ eher ¨mit „vernünftiger Gebrauchsdauer“ übersetzt werden müsse. Eine lange Lebensdauer sei nur möglich, wenn der Kunde einen entsprechend hohen Preis dafür zahle. Es gibt Produkte, bei denen so etwas schon existiert. Bei Handwerkzeug wie etwa Bohrmaschinen gibt es die hochpreisigen Werkzeuge für den professionellen Einsatz und die günstigeren Maschinen, die für den gelegentlichen Gebrauch durch den kleinen Heimwerker bestimmt sind.
Bei iPhone oder anderen Smartphones bzw. bei verschiedenen Hi-Technology-Produkten sieht das hingegen ganz anders aus.

Gigantische Folgen für Mensch und Umwelt

Die geplante Obsoleszenz verursacht weltweit und insbesondere in Ländern der 3. Welt enorme Müllberge. Nach Angaben von Germanwatch werden alleine in Europa jährlich mehr als 8 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert, von dem aber nur 25 Prozent  recycelt wird. Der Rest landet getarnt als funktionierende Gebrauchtgeräte auf illegalen Mülldeponien in Afrika oder auch in China.

Gibt es Alternativen?

Im Internet gibt es spezialisierte Seiten wie etwa „Murks – Nein danke!“, die sich für nachhaltige Produktqualität stark machen und Produkte auflisten, die sprichwörtlich mit einem Verfallsdatum versehen wurden. Schwieriger gestaltet es sich bei Geräten wie Handys, MP3-Playern oder Notebooks, die vielfach mit einem fest verbauten Akku ausgestattet sind. Neigt sich die Batterie ihrem Lebensende zu, ist der Kauf eines neuen Gerätes unumgänglich.
Eine andere Alternative sind so genannte Repair-Cafés wie zum Beispiel 3R in Welkenraedt oder das Patchwork in Sankt Vith. Dort kann man Elektrogeräte hinbringen kann, wenn sie denn defekt sind und der Hersteller eine oft kostspielige Reparatur anbietet oder diese sogar verweigert.
Grundsätzlich wäre es sinnvoll und hilfreich, wenn Hersteller gesetzlich verpflichtet würden , eine längere Garantie auf ihre Produkte zu gewähren.

Könnte weniger mehr sein?

Radikale Experten wie der französische Wirtschaftsprofessor Serge Latouche sehen die Wachstumsrücknahme als einzige Alternative. Er spricht sich für eine Reduzierung von Konsum und Produktion aus. Dadurch würden Zeitressourcen frei, um andere Formen des Reichtums zu entwickeln. Wenn die Gesellschaft die gezielte Verkürzung der Produktionslebensdauer von Zahnbürsten, Jeans, Strumpfhosen und Computer einfach so akzeptiert, dann braucht sie sich nicht über die Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit zu wundern. Ein Wirtschaftssystem, in dem Firmen auf gezielte Verkürzung der Lebensdauer setzen, ist einfach nicht nachhaltig und nicht zukunftsfähig. Im Grunde genommen sind laufzeitverkürzte Produkte eine beleidigende Unverschämtheit. Aber sie sind „up to date“, also auf der Höhe der Zeit. Aber vielleicht fordert ja die Corona-Pandemie einen Systemwechsel für die Wirtschaft und den Konsum im Allgemeinen.

Weitere Infos sind im Netz unter www.vsz.be abrufbar

Infos: Bernd Lorch, VSZ Ostbelgien