Album der Woche: „The Loneliest Time“ von Carly Rae Jepsen

Die kanadische Singer-Songwriterin veröffentlicht das fünfte Studioalbum. In der BRF1-Lifeline (15-18 Uhr).

Carly Rae Jepsen - The Loneliest Time

Carly Rae Jepsen - The Loneliest Time (Cover: Universal Music)

Auf The Loneliest Time ist auch Zynismus zu finden. Er findet sich in „Beach House“, der zweiten Single, die die Missgeschicke der Sängerin mit einer Reihe von widerwärtigen Männern beschreibt, von einem bemitleidenswerten Muttersöhnchen über den Ehemann einer anderen bis hin zu einem (vermutlich fiktiven) Jeffrey-Dahmer-Typ. Der Song opfert die Melodie für die Stimmen der Charaktere und tuckert mechanisch vor sich hin, als würde er von der Hausband von Chuck E. Cheese gespielt. In einer Zeit, in der die sozialen Medien mit Ego-Hinging-Horrorgeschichten überschwemmt werden, wirkt „Beach House“ auf den ersten Blick kitschig und veraltet. Schlimmer noch, aus dem Mund von Jepsen klingt es schlichtweg falsch. Verabredungen sind scheiße, Männer sind schrecklich. Das haben wir schon mal gehört – aber von der Person, die uns „Cut to the Feeling“ und „Now That I Found You“ beschert hat?

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Obwohl „Beach House“ in vielerlei Hinsicht ein Ablenkungsmanöver ist, deutet es darauf hin, dass Jepsen, die viel in schwülstigen 80er-Jahre-Pop investiert hat, ihr Portfolio diversifizieren möchte. The Loneliest Time zieht mögliche Wege in Betracht: ihren typischen Pop-Maximalismus auf unverschämte neue Ebenen des Camps zu heben oder ihn auf federleichtes Easy-Listening zurückzudrehen. Aber Jepsen scheint mehr daran interessiert zu sein, Ideen zu formulieren, als einen übergreifenden ästhetischen Vorschlag zu machen. In den Zwischenräumen zwischen diesen Experimenten zeigt sie sich in gewohnter Form, indem sie schwärmerische Texte in sprudelnde Synthie-Songs einstreut wie Zuckerwürfel in Champagner. The Loneliest Time ist nicht die Einführung einer neuen Ära – ein Marketingkonzept, das von Künstlern verlangt, sich alle paar Jahre neu zu erfinden (vor allem, wenn es sich um Frauen handelt, die aus dem Begriff „ingénue“ herausgewachsen sind). Es ist einfach ein neues Album. Und das ist auch gut so.

Jepsens beste neue Ideen finden sich in „Western Wind“, einem wunderschönen Treffen von Musik und Botschaft, bei dem Rostam vorbeischaut, um Congas zu spielen und Jepsen bei der Verwirklichung ihrer erdigen Träume von einer Liebe zu helfen, die so natürlich und allumfassend ist wie die Elemente. Seine Fingerabdrücke sind überall auf diesem Stück, das an die sanfte Schlagfertigkeit von Haims „Summer Girl“ und die anmutige Entfaltung von Maggie Rogers‘ „Fallingwater“ erinnert, zwei weitere herausragende Singles für ihre jeweiligen Künstler, die er produziert hat. Ich würde gerne noch fünf weitere „Western Wind“ nehmen, aber das nächstbeste Stück ist „Far Away“, ein Lied über den Versuch, auf dem Boden zu bleiben, das damit endet, dass man die Rainbow Road hinunterrollt, mit der Percussion-Sektion im Schlepptau. Rostam taucht nur bei „Go Find Yourself or Whatever“ wieder auf, einer leichtfüßigen Ballade, deren Sentimentalität mit einer Prise Bissigkeit gekonnt unterbrochen wird.