Das kleine 1×1 der Heilpflanzen: Lein

Kaum jemand weiß heute noch wie die hübsche Leinpflanze aussieht, obwohl sie in den vergangenen Jahrhunderten auch in unseren Breiten eine der wichtigsten Nutzpflanzen überhaupt war und dementsprechend überall angebaut wurde. Der Lein, auch häufig Flachs genannt, gedeiht fast weltweit.

Hübsche Leinpflanze - auch Flachs genannt - leitet das Sprichwort "Fahrt ins Blaue" her

Hübsche Leinpflanze - auch Flachs genannt - leitet das Sprichwort "Fahrt ins Blaue" her

Es handelt sich um eine einjährige Pflanze, die 20 bis 70 Zentimeter hoch wird. Ihre verzweigten Stängel sind sehr dünn, die Blättchen sehr schmal und die wunderschönen, zarten Blüten himmelblau. Im Spätsommer bilden sich kugelige Samenkapseln, die bis zu zehn Leinsamen enthalten.

In der Heilkunde werden die Samen der Leinpflanze eingesetzt, die man ab August ernten kann. Dazu wird die einjährige Pflanze abgeschnitten und die Samenkapseln ausgeklopft (Dreschen).

Wirkung

Die wohl bekannteste Eigenschaft des Leinsamens ist seine stuhlregulierende Wirkung bei Verstopfung. Wird Leinsamen mit genügend Flüssigkeit aufgenommen, treten einerseits Schleimstoffe aus den Samen, die den Stuhl besser gleiten lassen und andererseits quellen die Samen auf und regen den träge gewordenen Darm durch einen Dehnungsreiz an.

Im Fall einer (chronischen) Verstopfung muss der ganze Leinsamen demnach immer mit einem großen Glas Wasser eingenommen werden. Wegen seiner Flüssigkeit bindenden Eigenschaften kann Leinsamen aber auch bei Durchfall eingenommen werden, in diesem Fall ohne zusätzliche Flüssigkeit.

Beruhigt die Schleimhäute, reguliert den Hormonspiegel

Kalt ausgezogener „Leinsamentee“ ist ein wenig schleimig und wird erfolgreich bei allen Beschwerden der Schleimhäute eingesetzt beispielsweise bei Magenschleimhautentzündung, Sodbrennen oder Reizhusten. Der Leinsamenschleim legt sich schützend und heilend auf die gereizten Schleimhäute und beschleunigt den Heilungsprozess.

Leinsamen enthalten aber auch hormonregulierende Substanzen (Lignane) und mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Omega3), die nur ihre Wirkung entfalten, wenn die Samen aufgebrochen beziehungsweise geschrotet werden. Allerdings oxydieren sie in diesem Fall sehr schnell, sodass geschrotete Leinsamen leider nur kurze Zeit haltbar sind (ein bis drei Wochen). Aus diesem Grund sollte man Leinsamen immer erst kurz vor dem Verzehr schroten und nicht fertig geschrotet einkaufen. Besonders Frauen in den Wechseljahren schätzen den Lein, da sie den Östrogenspiegel ausgleichen.

Bei Zivilisationskrankheiten

Eine Alternative zum geschroteten Lein ist das Leinöl, welches ebenfalls aufgrund kurzer Haltbarkeit nur in kleinen Mengen gekauft werden sollte. Das Öl enthält eine Vielzahl von ungesättigten Fettsäuren mit einem sehr hohen Omega3-Gehalt. Diese essentiellen Fettsäuren können vom Körper nicht selbst hergestellt werden, sind für unseren Stoffwechsel aber lebensnotwendig und müssen deshalb mit der Nahrung zugeführt werden.

In unseren heutigen Nahrungsmitteln sind aber meist viel zu wenig ungesättigte Fettsäuren, hingegen gesättigte Fettsäuren im Übermaß enthalten. Dies ist sicherlich ein wichtiger Grund für eine Reihe von „Zivilisationskrankheiten“ wie Diabetes, Arterienverkalkung, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Nervenkrankheiten, Allergien, Krebs etc. Vielfach wird in diesen Fällen die Einnahme von Fischölkapseln empfohlen. Empfehlenswerter ist allerdings die Einnahme von Leinöl, weil es 55 Prozent Omega3-Fettsäuren enthält, fetter Fisch hingegen nur drei Prozent.

Zubereitung

  • Leinsamen bei Verstopfung: als Verdauungshilfe nimmt man 2-3 Mal täglich während der Mahlzeit 1-2 Esslöffel ganze Samen mit einem großen Glas stillen Wasser ein. Wer die Samen nicht so schlucken möchte, kann sie auch in Joghurt einrühren.
  • „Leinsamentee“ bei gereizter Schleimhaut (in Magen oder Mund, bei Reizhusten): Zwei bis drei Esslöffel Leinsamen mit 100 Milliliter kaltem Wasser übergießen, 1 Stunde ausziehen lassen, ab und zu umrühren und dann absieben. Die Schleimhäute schluckweise damit befeuchten beziehungsweise Auflagen oder Spülungen vornehmen.
  • Die bekannte Leinöl-Expertin Dr. Johanna Budwig empfiehlt die Aufnahme von Leinöl zusammen mit Quark („Öl-Eiweiß-Kost“). Dazu verrührt man drei Esslöffel Leinöl mit drei Esslöffel Milch, 100 Gramm Quark und einem Teelöffel Honig. Diese Mischung kann auch mit Früchten oder Müsli variiert werden.

Beim Kauf von Leinöl sollte man auf eine gute Qualität achten (am besten BIO) und vor allem auf die Aufschrift „nativ“ oder „erste Kaltpressung“. Angebrochenes Leinöl sollte im Kühlschrank aufbewahrt werden und binnen 2-3 Wochen aufgebraucht werden.

Mythologie: die Geschichte des Leins

Schon vor 5.000 Jahren wurde der Lein in Europa als Nutzpflanze angebaut: Einerseits als Faserpflanze (Leinenstoff), andererseits als Ölpflanze (Leinöl). Das Öl wurde als Speiseöl, aber auch vermischt mit Farbpigmenten als Ölfarbe, als Holzschutz, als Maschinenöl und später als Grundstoff für Bodenbelag (Linoleum) verwendet.

Von seiner Vielseitigkeit zeugt auch der lateinischer Name Linum usitatissimum, der „überaus nützliche Lein“. Bis zum 19. Jahrhundert wurde auch in unserer Region viel Lein angebaut und die blau blühenden Felder boten einen herrlichen Blickfang.

Machte jemand damals einen Ausflug, fuhr er also zwangsläufig durch eine blaue Landschaft. Daher stammt der Ausdruck „eine Fahrt ins Blaue“ machen. Leider hat die Industrialisierung den Leinanbau an den Rand gedrängt. Die Verarbeitung von Baumwolle oder die Gewinnung anderer Öle, die wesentlich haltbarer sind als Leinöl, ließen den Leinanbau unrentabel werden.

Das kleine 1×1 der Heilkräuter – in Zusammenarbeit mit der Heilpflanzenakademie APC in Elsenborn. Jeden zweiten und vierten Freitag im Monat um 11:15 Uhr in ‘Gut aufgelegt’ auf BRF1 und hier im Netz.
Kontakt: 0474/55.08.38 (Michaela Schumacher-Fank)

Hinweis: Bei ernsthaften Beschwerden ziehen Sie bitte Ihren Arzt zu Rate.
Literaturtipps: Ursel Bühring, Alles über Heilpflanzen, Ulmer (2007) und Grimm, Hans-Ulrich, Leinöl macht glücklich, Dr. Watson Books, 2. Auflage, 2007.

Michaela Schumacher-Fank, Heilpflanzenakademie APC - Bild: istockphoto

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