Thomas Hettche: Herzfaden

Die Erinnerung an die wunderbaren Sonntagnachmittage mit Jim Knopf, Urmel und Kater Mikesch. Ein großer Roman als Hommage für ein kleines Theater: die Augsburger Puppenkiste. Der BRF-Buchtipp am 26. Oktober.

Jim Knopf und der Lokomotivführer, Kater Mikesch, Urmel aus dem Eis, kleiner König Kalle Wirsch – Generationen von Kindern sind mit den Figuren der Augsburger Puppenkiste aufgewachsen. Noch heute können sie das Lummerland-Lied singen, sprechen vielsagend von „Mupfel“ und wissen genau, was ein „Scheinriese“ ist. Die liebevollen Bühnenbilder der Augsburger Puppenkiste haben sich in die Erinnerung eingebrannt. Unvergessen etwa ist die berühmte Plastikfolie, mit der in den Geschichten das Meer simuliert wurde. Puppen und Tricks wurden hier noch aus ganz handfesten Materialien gestaltet – Holz, Pappmaché und Folie mussten genügen.

Berühmt wurde die Augsburger Puppenkiste vor allem durch die Fernsehübertragungen des Hessischen Rundfunks ab 1954. Die Sonntagnachmittage mit dem Räuber Hotzenplotz, Bill Bo oder dem Löwen wurden in den 1960er und 1970er Jahren Kult. Darüber wird leicht vergessen, dass der Ursprung der Augsburger Marionetten viel weiter zurückreicht – nämlich bis in die düsteren Bombennächte des Zweiten Weltkriegs. Davon erzählt Thomas Hettche in seinem neuen Roman „Herzfaden“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war.

Es ist die Geschichte der Familie Oehmichen, einer Schauspielerfamilie, die sich in den 40er Jahren dem Marionettenspiel verschrieb, erzählt aus der Perspektive ihrer Tochter Hannelore, im Roman mit ihrem Kindernamen Hatü genannt. Eine etwas märchenhafte Rahmenhandlung fasst die historische Erzählung ein: Ein Mädchen entdeckt auf einem Speicher die legendären, wieder lebendig gewordenen Augsburger Marionetten und begegnet der inzwischen erwachsenen Hatü, die auf ihr Leben zurückblickt. Von da an springt die Erzählung alternierend zwischen den Zeitebenen hin und her.

Ein erster „Puppenschrein“ der Familie Oehmichen wurde 1944 bei einem schweren Bombenangriff zerstört. Doch die Marionetten selbst überlebten, und so konnte die Augsburger Puppenkiste genau vier Jahre nach der Zerstörung des ersten Marionettentheaters an einem neuen Spielort eröffnet werden. Das erste Stück war „Der gestiefelte Kater“ – gleich eine große Erfolgsgeschichte. Die ganze Familie Oehmichen war ins Puppenspiel mit einbezogen. Vater Walter schnitzte die Figuren und wurde bald von Tochter Hannelore unterstützt, Mutter Rose entwarf die Kostüme.

Hettche erzählt die Familiengeschichte auch als Zeitgeschichte. Vater Oehmichen verschwindet als Soldat in den Krieg, eine jüdische Schulfreundin muss mit ihrer Familie ins amerikanische Exil fliehen. Hannelore selbst verlebt bange Nächte im Luftschutzbunker. Der fiktionale Charakter bleibt dabei erhalten. Die Kinderperspektive ist geschickt: Denn wie ließe sich die Magie des Puppenspiels besser verdeutlichen als aus Sicht glänzender Kinderaugen?

Der Titel „Herzfaden“ wird im Roman mehrfach erwähnt. Walter Oehmichen, der Gründer der Augsburger Puppenkiste, sagt an einer Stelle, der Herzfaden sei der wichtigste Faden einer Marionette, denn „er macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.

Die Geschichte schließt mit der Geburt von Jim Knopf, der wahrscheinlich bekanntesten Figur der Puppenkiste. Und hier wird auch das Geheimnis gelüftet, wie eigentlich das Meer um Lummerland entstand. Eine dünne Klarsichtfolie schlägt Walter Oehmichen vor: „Die beleuchten wir von unten. Und sie muss sich natürlich heben und senken, als gäbe es Wellen. Das machen wir mit einem Gebläse.“ So einfach war das eben damals mit den Special Effects.

Stimmen zum Buch

„Mit spielerischem Tiefgang hat Thomas Hettche selbst wie ein Puppenspieler agiert und schreibend auf wundersame Weise an unserem „Herzfaden“ gezogen. Eine der imponierendsten Neuerscheinungen dieses Bücherjahres.“ Stadtspiegel Wattenscheid

„Es ist eine grandios vergnügliche Wiedersehensfeier mit der eigenen Kindheit. […] Ein literarischer Triumph.“ Denis Scheck, Literaturkritiker

„“Herzfaden“ ist eine hochromantische Hommage an eine Kunstform, die ganz von der Illusion lebt, dass ein Stück totes Holz zum lebendigen Wesen wird.“ Welt am Sonntag

„Das ist wirklich ein Roman, bei dem ich alle meine abgebrühten Lesegewohnheiten zur Seite lege und einfach in diesem Buch versinke, das aber dennoch sehr sehr klug ist und auch sehr lustig.“ Deutschlandfunk Kultur Lesart

Autor

Der Romancier Thomas Hettche, geboren 1964 im Landkreis Gießen, gehört seit 1989, seit seinem Debüt „Ludwig muß sterben“, zu den oft polarisierenden, stets überraschenden literarischen Stimmen Deutschlands. „Der Fall Arbogast“ wurde in 13 Sprachen übersetzt, sein Bestseller „Pfaueninsel“, der die atmosphärische Geschichte einer Kleinwüchsigen im Preußen des 19. Jahrhunderts erzählt, wurde unter anderem mit dem Wilhelm-Raabe-, dem Wolfgang-Koeppen-Preis, dem Solothurner Literaturpreis und dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet.

Thomas Hettche lebt in Berlin und der Schweiz.

Thomas Hettche (Autorenbild: Joachim Gern)

Autorenbild: Joachim Gern

Gewinnspiel

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Buchdetails

Thomas Hettche: Herzfaden
288 Seiten – 24,00 Euro
ISBN 978-3-462-05256-5
neu erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Buchtipp-Redakteurin: Biggi Müller

Biggi Müller